Archiv der Kategorie: NATO

Bodenlose Frechheit

"...Hope..." von ĐāżŦ {mostly absent}

Fotoquelle: „…Hope…“ von ĐāżŦ {mostly absent} (flickr.com)

Seit fast einer Woche schreibt Daniel Lücking sein PTBS-Blog Aufräumen, Kamerad!. Einige seiner Erlebnisse, Erfahrungen und Einstellungen kenne ich schon – von ihm und anderen Soldaten. Doch besonders berührt hat mich sein gestriger Beitrag „Über die Freiwilligkeit des Dienstes und der Einsätze“. Darin erzählt er davon, wie er zunächst SaZ 4 als Mannschaftssoldat wurde. Immer wieder wurde er auf die für ihn doch so passende Offizierlaufbahn angesprochen. Zunächst lehnt er ab, weiß nach vier Monaten als Soldat noch nicht, ob er Menschen führen will – und kann, gerade ist SFOR aktuell. Dann der Satz, der mich enttäuscht, erschüttert und wütend macht:

Mein Spieß erzählt mir, dass man um Einsätze immer irgendwie herum käme.

Die Aussage vom Spieß ist für mich eine bodenlose Frechheit. Sie erinnert mich an die Erzählung von Joshua Key in seinem Buch „The Deserter’s Tale“. Darin berichtet der amerikanische Pionier davon, dass ihm bei der Rekrutierung 2002 erzählt wurde, er müsse niemals in den Einsatz und würde lediglich in den USA Brücken bauen. Tragischerweise hat Key das geglaubt (bis er in den Irakkrieg geschickt wird), Lücking ist nicht so blauäugig. Für ihn gehört der Einsatz ganz logisch auch zum Soldatentum dazu.

Die Mär vom Soldaten, der sich nicht nur für das Töten sondern auch für das Verwundet werden und Fallen entschieden hat, wird ja gerade bei Anschlägen auf die Bundeswehr in den Online-Kommentaren der großen Tageszeitungen immer wieder aufgewärmt. „Selber schuld“ und „Soldaten sind Mörder“ gehört da häufig zum sprichwörtlichen guten Ton. Und wenn dann noch so ein Spieß kommt und davon schwärmt, dass man Offizier ja quasi auch völlig ohne Einsatz sein kann, platzt mir die Hutschnur.

Für mich ist die Aussage des Spieß ein Schlag ins Gesicht des Soldaten, seiner Freundin/Frau und seiner Kinder. Wenn es so einfach wäre, sich vor einem Einsatz dauerhaft „zu drücken“ (und als nichts anderes müsste man es wohl bezeichnen), wären sicher viele Beziehungen noch intakt, viele junge Menschen hätten Weihnachten zu Hause verbracht und tausende Väter hätten die ersten Schritte ihrer Kinder selbst gesehen und nicht nur auf Video verfolgt. Vieles davon hat Lücking selbst verpasst, gerade weil die Einsätze für ihn dazu gehören.

Mit dem schon fast etwas in der Luft schwebenden Satz über die Zeit nach seinem letzten Afghanistaneinsatz endet dieser Beitrag: 

Wie sehr ich meine Familie zu dem Zeitpunkt schon belastet hatte, war mir nicht bewusst.

Sein Text macht mich nachdenklich, traurig und wütend, ich kenne den Autor gut, habe besonders die ansteigende psychische Belastung in den letzten Monaten miterlebt. Nicht nur die Einsatzplanung ließ (und lässt ja generell) über weite Strecken zu wünschen übrig, auch der BFD ist (milde gesagt) schwierig.

Bloggerkollege Thomas Wiegold hat gleich zu Beginn dessen, was ich als Schreibtherapie oder Interapy bezeichnen würde, bei Augen Geradeaus auf das PTBS-Blog verwiesen. Er ordnet das Blog ein, lobt den Mut Daniel Lückings, seine Reaktion auf die Einsätze in einer Therapie aufzuarbeiten und sie auch öffentlich zu verarbeiten. Lücking macht sich durch die öffentliche Aufarbeitung seiner „einsatzbezogenen Belastungsreaktion“ (wie es im Medizinerdeutsch heißt) natürlich ein Stück weit verletzlich. Zu seiner Methode kann man stehen, wie man mag. Ich finde, sie verdient Respekt. Lücking will offen sein, auch selbst mit sich klar kommen, „outet“ sich noch während des Prozesses der Therapie. „Raus aus der Dunkelziffer“ ist der Untertitel seines Blogs, denn genau da, im (Ver)Schweigen und „schon irgendwie funktionieren“ liegt die Gefahr. Es gibt schon viel zu viele Veteranen in Deutschland, die mit ihren Problemen, Belastungen und Gedanken allein gelassen werden und den Weg zurück ins (zivile) Leben nicht schaffen, nicht mehr schaffen wollen und das alleine auch nicht können.

Einzelplan 14 findet den Weg über das Blog gut, richtig und sehr mutig und unterstützt Daniel Lücking als Bloggerkollegin, aber auch als Freundin.

Alles Gute, Daniel.

Erzähl mir vom Krieg.

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In den letzten 10 Jahren habe ich etliche Kriegsgeschichten gehört. Einige waren unterhaltsam, bei einigen habe ich gelacht und bei einigen konnte ich nur zuhören. Manchmal bin ich einfach sprachlos. Sprachlos ob der Dinge, die Menschen in unserer Mitte erleben mussten, die sie jeden Tag mit sich herumtragen, die sie niemandem erzählen, die nur wenige ahnen.

Ein sehr guter Freund von mir war 2008 im Irak, als sein Panzer angesprengt wurde. “Ich habe hier Dinge gesehen, die kann ich meiner Frau und meiner Mutter nicht erzählen. Ich will sie nicht damit belasten, sie sollen sich keine Sorgen machen.“ schrieb er mir wenige Tage später aus dem Feldlager.

In den letzten Jahren habe ich auch Unterhaltsames gehört. Geschichten vom Hammelessen in Afghanistan etwa – “der hing da am Zelt, da war ein großer Fliegenschwarm drum herum, das Fleisch haben wir dann gegessen.“ Schmunzeln in der Runde… Geschichten von Shoppingerlebnissen auf dem Balkan. Erlebnisse, die im Nachhinein lustig sind.

Aber auch Geschichten, die allzu oft von einem Seufzen und Kopfschütteln (“Mein Gott, was da alles hätte passieren können…“) begleitet werden. Geschichten von verletztem Vertrauen, “Emergency Sex“ im Feldlager, der Sehnsucht nach einer heißen Dusche, den verpassten ersten Schritten der eigenen Kinder zu Hause. Auch Geschichten der Verlässlichkeit, der Kompromissbereitschaft “für den guten Zweck“, damit es weitergeht.

Es gibt auch die ruhigen Erzählungen, die mit dem abwesenden, suchenden Blick, die, bei denen sich mein Gesprächspartner an der Kaffeetasse festhält. Erinnerungen an Gefallene, daran wie und wann Kameraden und Freunde gestorben sind. Erinnerungen an Sinn- und Hilflosigkeit.

Sarkasmus, um die Verletzungen und Enttäuschungen nicht zulassen zu müssen. Zynismus, denn wie kann ein Soldat etwas, das ihm Staat und Armee zugesichert haben, tatsächlich erwarten? Schließlich war er bereit, das eigene Leben zu geben, die Frau zur Witwe und das Kind zum Halbwaisen zu machen – noch vor dessen Einschulung.

Ich habe zugesehen, als ein enger Freund traumatisiert aus seinem ersten Einsatz im Irak zurückgekehrt ist. Alltägliche Emotionen, die Freude über Sonnenschein, ein freier Parkplatz, waren viel zu extrem. Auch dadurch hat er seinen Bruder darin bestärkt, den gleichen Weg einzuschlagen. Nach dem zweiten Einsatz war er “wieder normal“.

Ich habe viel zu detaillierte Berichte über Gefechte mit Gefallenen gehört und dabei viel zu junge Witwen gesehen. Tapfer sei er gewesen, der Vater ihres kleinen Sohnes, der das alles noch gar nicht versteht. Im Krimi heißt das “Hatten Sie noch Pläne mit Ihrem Mann?“

An Tagen wie diesen, wenn Veteranen nicht mehr die von den Schlachtfeldern in Flandern sind, sondern junge Menschen, die noch einen großen Batzen ihres Lebens vor sich haben, bin ich nachdenklich – aber auch dankbar. Dankbar dafür, dass sie manchmal einen kleinen schmerzhaften Einblick in ihre Gedankenwelt geben. Dankbar für jeden Einzelnen, der gesund nach Hause kommt. Und für jeden, dessen Ehe das aushält, dessen Familie nicht in einem Land weit weg zerbricht. Auch weil die Frauen zu Hause manchmal die Zähne fest zusammenpressen.

Denn Armee ist nicht nur der schicke Typ in Uniform, der am Ende des Films das Mädchen kriegt. Soldaten sind auch (nur) Menschen.

Tragischer Unfall bei Veteranenparade in Texas

In Midland, Texas, sind am Donnerstag um 16:30 Uhr Ortszeit bei einem Festumzug vier Veteranen ums Leben gekommen, als ein Güterzug ihren Festwagen an einem Bahnübergang erfasste. Weitere 16 Veteranen wurden dabei teilweise schwer verletzt.

Army Sgt. Maj. Gary Stouffer (37) und Army Sgt. Maj. Lawrence Boivin (47) waren sofort tot. Army Sgt. Joshua Michael (34) und Army Sgt. William Lubbers (43) erlagen im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen.

Das Purple Heart, die Verwundetenauszeichnung der US Streitkräfte
Army Sgt. Joshua Michael war nach zwei Einsätzen im Irak mit zwei
Purple Hearts ausgezeichnet worden.

Der Umzug war zu Ehren der in Afghanistan und im Irak verwundeten Soldaten und ihrer Frauen organisiert worden. Die Opfer waren auf dem zweiten Festwagen des Umzugs unterwegs zu einem Ehrenbankett.

Einzelplan 14 denkt in diesen schweren Stunden an ihre Familien und Freunde.

Krieg, Frieden und Stolz. Ein Besuch des Canadian War Museum.

Was ist Krieg?

Das Canadian War Museum/Musée canadien de la guerre in der kanadischen Haupstadt Ottawa ist mehr als nur ein militärhistorisches Zeugnis Kanadas.

Es ist eine Mahnung, wie schrecklich Krieg ist und thematisiert Verwundung, gefallene Soldaten, Kriegsgefangenschaft und PTBS. Es berichtet von Angst, Mut, Menschlichkeit und Überleben. Aber auch Brutalität, Waffen, Familie und Hass werden nicht verschwiegen. Das Museum würdigt die Opfer, die kanadische Soldaten und ihre Familien gebracht haben und bis heute bringen. Es feiert und erinnert an glanzvolle Stunden in der kanadischen Militärgeschichte und an schwarze Kapitel der Schande dieses Landes. Kanadier sollen sich daran erinnern, wie Kriege die Geschichte des Landes geprägt haben und sie sollen diese Geschichte teilen.

Das Museum besteht aus begehbaren bzw. erlebbaren Exponaten, Audio- und Videobeispielen und aus Einzelschicksalen (und ihren Einsatzmedaillen), die stellvertretend für viele stehen.

Die ersten Kriege

Das Museum ist in fünf Abschnitte unterteilt. Der Besuch beginnt mit den ersten gewaltsamen Handlungen zwischen Menschen auf kanadischem Boden vor etwa 5000 Jahren bis zum Jahr 1885.

Darauf folgten die Burenkriege in Südafrika („For Crown and Country“), in denen mehr als 7000 Kanadier auf Seiten des britischen Empire kämpften.

Kanada hat erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kontrolle über seine Landesverteidigung übernommen. Der Wille, größere Verantwortung dafür zu übernehmen, zeigt sich unter anderem darin, dass zu dieser Zeit Waffenfabriken gebaut wurden, die Marine gegründet wurde, Kadetten ausgebildet wurden und ein „Nationalgewehr“ massenproduziert wurde.

Der Erste Weltkrieg

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, waren insbesondere Kanadier mit britischer Herkunft euphorisch. Viele meldeten sich freiwillig, angezogen vom Empire, Abenteuerlust und Arbeitslosigkeit. Sie gingen davon aus, zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein.

Private Harold Peat schrieb:

Men are waving, women are cheering, weeping has yet to come.

Die kanadischen Soldaten, die an der Seite britischer Soldaten kämpften, wurden mit der so genannten Ross Rifle ausgestattet. Ein Scharfschützengewehr, das unter idealen Bedingungen – wie auf einer Schießbahn – sehr gut und präzise funktionierte. In den Schützengräben blockierte das Gewehr jedoch immer wieder durch Schmutz und durch die Hitze unter Schnellfeuer. Außerdem war die britische Munition manchmal einen Bruchteil größer als die kanadische Munition und blieb in der Waffe hängen. Etliche Soldaten verloren auf diese Weise ihr Leben. Kanadische Frontsoldaten sagten über die Ross Rifle, dass sie nur als Knüppel nützlich sei und gingen dazu über, die Lee-Enfields gefallener Briten einzusammeln, da diese besser funktionierten.

Die Kanadier zu Hause waren schockiert angesichts gefallener Soldaten und Kriegsverbrechen und waren entschlossen, bis zum bitteren Ende gegen Deutschland zu kämpfen. Die Regierung beschloss, 8579 Immigranten deutscher, österreichisch-ungarischer und ukrainischer Herkunft in Arbeitslagern zu internieren, da sie als Sicherheitsrisiko galten und es wiederholt Gerüchte um geplante Revolten gab. Etwas ähnliches sollte sich im Zweiten Weltkrieg mit japanischen Einwanderern wiederholen, ein Kapitel in ihrer Geschichte, auf das Kanadier nicht stolz sind.

An der Heimatfront entschlossen sich viele Kanadier, den Krieg in der Ferne durch patriotische bzw. wohltätige Arbeit zu unterstützen:

Supporting the Boys' Families Der so genannte Canadian Patriotic Fund, von dem dieses Poster stammt, sammelte Geld um die Familien von Soldaten im Einsatz zu unterstützen. Sie haben $47 Millionen aufgebracht. In den meisten Orten gab es Aktionen unter dem Motto „do your bit“, in denen Frauen Pullover und Socken für die Soldaten gestrickt haben, gebacken und Briefe geschrieben haben.

Those of us who cannot fight can still do our bit knitting sweaters and socks, baking, writing letters. Anything the boys need.

Einsatzrealität hautnah, Kriegszitterer und Veteranen

Nach der Simulation eines Gasangriffs, bei denen das „Gas“ mir die Sicht nimmt, laufe ich durch einen Schützengraben. Der Raum ist klein und dunkel, ich kann kaum etwas sehen, höre nur Schüsse und Explosionen. Eine unglaublich bedrückende Atmosphäre.

Schützengraben 1Schützengräben 2

Die realistische Darstellung setzt sich mit der Schlacht von Passchendaele fort: PasschendaelePasschendaele 2

und verschweigt auch Themen wie shell shock oder „Kriegszitterer“, wie sie im Ersten Weltkrieg noch hießen, nicht. Das Museum zeigt bewegende Videos von Soldaten mit einer solchen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten kanadische Soldaten zurück nach Hause, in ein Land, das „auf Helden vorbereitet“ sein sollte – aber nicht war. Die schwache Wirtschaft ließ nicht zu, dass die Veteranen so versorgt wurden, wie sie es verdient hätten. Als die Veteranen sich für Unterstützung durch die Regierung einsetzten, bekamen sie finanzielle Unterstützung und Grundstücke. Davon profitierten nicht alle – etliche wurden in Krankenhäuser abgeschoben oder mussten von ihren Familien versorgt werden.

Der Zweite Weltkrieg

Das vermutlich umstrittenste Exponat im gesamten Museum ist eine der sieben Staatskarossen (und die vermutlich letzte noch existierende) von Adolf Hitler:

Hitlers Staatskarosse

Das Museum hatte überlegt, das Auto zu verkaufen, sich letztendlich aber gegen einen Verkauf entschieden, weil man nicht hätte kontrollieren können, an wen das Auto letztlich geht.

Mit der Staatskarosse beginnt die Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg.

Anders als noch im Ersten Weltkrieg bedeutete die britische Kriegserklärung nicht automatisch eine Teilnahme Kanadas am Krieg. Nach einer kurzen Debatte im Parlament erklärte Kanada Deutschland am 10. September 1939 ebenfalls den Krieg.

Erneut sollte sich das dunkle Kapitel der Internierung von Immigranten wiederholen. Verängstigt durch die frühen Siege Japans und mit der Angst einer japanischen Revolte im westkanadischen British Columbia siedelte die kanadische Regierung aufgrund öffentlicher und politischer Forderungen knapp 21000 japanische Einwanderer um.

Brave men shall not die because I have faltered

Erneut hatte Kanada eine starke Heimatfront, die auch Kinder mit einbezog. Sie suchten unter anderem nach Materialien wie Metall oder Papier, die wiederverwendet werden sollten. Darüber hinaus wurden sie auf Postern aufgefordert, im Haushalt zu helfen, um ihre Eltern zu entlasten, damit diese in Munitionsfabriken oder der Armee den Kriegsanstrengungen dienen konnten.

Veteranen wurden aufgefordert, erneut für ihr Land zu kämpfen: Rekrutierung von Veteranen

Welcome Home Daddy

Als die kanadischen Soldaten in ihre Heimat zurückkehrten, war Kanada tatsächlich ein Land, das „auf Helden vorbereitet“ Welcome Home Boyswar – anders als nach Ende des Ersten Weltkriegs. Kanada war nach Kriegsende ein vereintes Land, das eine wirtschaftliche und internationale Macht darstellte. So war das so genannte „Welcome Home“ Programm möglich, das Kriegsveteranen eine Versorgung und einen geordneten Übergang in ein ziviles Leben ermöglichen sollte. Von den 650000 Veteranen, die 1946 auf den Arbeitsmarkt kamen, fanden 95% innerhalb von 15 Monaten eine Stelle.

Der Kalte Krieg, Peacekeeping und kanadische Verteidigungspolitik heute

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben kanadische Soldaten in Korea, im Golfkrieg, im Kosovo und in Afghanistan gekämpft. Verteidigungspolitisch ist Kanada heute hauptsächlich als Peacekeeping Nation bekannt, etwa auf Zypern, im Nahen Osten, im Sudan und in Ruanda – um nur einige zu nennen.

Kanadische Soldaten sind heute unter anderem im Kongo, im Sudan und in Darfur, aber auch in Afghanistan – noch. Kanada hat seinen Kampfeinsatz in der Provinz Kandahar im Dezember 2011 offiziell beendet und unterstützt seine Bündnispartner bis 2014 in Kabul. Bis Dezember 2012 unterstützt Kanada außerdem die Operation Active Endeavour im Mittelmeer.

Fazit: Das Canadian War Museum zeigt ein realistisches Bild vom Krieg. Es glorifiziert nicht und spricht Themen wie Verwundung, gefallene Soldaten und PTBS an. Ein bewegender Besuch, der zum Nachdenken anregt.

Europas Westen, Osten und neuer Osten in Afghanistan

Ein Gastbeitrag von Iulia Joja.

Der Rumänische Präsident Traian Basescu beim Truppenbesuch auf der Forward Operating Base Apache in der Nähe von Qalat in der Südafghanischen Provinz Zabul.

Iulia Joja hat einen Master in International Conflict Studies am King’s College London abgeschlossen und wird nun ein Praktikum bei NATO SACT in Norfolk, VA absolvieren.

 

„Kindisch und rücksichtlos“ – der Einsatz im Irak und die Kluft zwischen alten und neuen Mitgliedern

Der Einsatz im Irak im Jahr 2003 brachte einen Konflikt zwischen den alten und neuen Nato-Mitgliedern, deren militärischen Kulturen und nationalen Interessen mit sich. Während sich die neuen Mitgliedern sofort bereit erklärten, die USA militärisch im Irak zu unterstützen, beriefen sich viele der alten Nato-Mitglieder auf internationales Recht und soft power. Weiterlesen

Vier ISAF-Soldaten gefallen

Bei einem Anschlag auf einen Spähpanzer Luchs in Shindand (Westafghanistan) ist gestern der italienische Leutnant Massimo Ranzani gefallen, vier weitere wurden verwundet. Die Soldaten stammen aus dem 5. Regiment der Gebirgsjägerbrigade „Julia“ aus Bozen, das sich ausschließlich aus Freiwilligen zusammensetzt. Weiterlesen

Patrick Hennessey – The Junior Officers’ Reading Club: Killing Time and Fighting Wars.

The problem was all in the name; ‚mentoring‘ and ‚liaison‘ sounded like holding hands and building bridges. If we’d wanted to build bridges we’d have joined the Engineers; we were combat soldiers, teeth arm, and our culture demanded more. (14)

In britischen Buchhandlungen geht seit Monaten das Buch eines jungen Ex-Soldaten über den Tisch. Im Bestseller The Junior Officers‘ Reading Club schreibt der Brite Patrick Hennessey über seine Zeit in der königlichen Militärakademie Sandhurst, und während seiner Einsätze im Irak und in Afghanistan.

Schnörkellos – und mit Sicherheit nicht politisch korrekt und deutlicher als man es (zumindest offiziell) aus Deutschland kennt – berichtet er beispielsweise davon, wie er in der Provinz Helmand dafür eingesetzt wurde, die Afghanische Armee (ANA) auszubilden:

„They couldn’t shape their berets. They didn’t get up early and they stopped everything for meals, for prayer, for a snooze. They had no discipline. They smoked strong hashish and mild opium. They couldn’t map-read. They had no tanks, no planes, no order to the chaos of their stores. Their weapons weren’t accounted for. Their barracks weren’t health and safety compliant. They wore what they wanted, when they wanted and walked around holding hands. They lacked everything that British Army training believed in and taught – and fuck me if most of them hadn’t killed more Russians than we had ever seen. I loved them. I liked that they had more balls than I ever did to just stand up and say ‚why‘ or ’no‘ or ‚I don’t care if there is a war on and a massive IED threat, I like watermelon so I’m going to steal a car that I can’t drive and run a Taliban checkpoint in order to go to the market.‘ I couldn’t train them at all.“ (S. 17)

Hennessey beschreibt ohne um den heißen Brei herum zu reden, manchmal haben seine Zeilen fast Tagebuchcharakter (tatsächlich zitiert er an einigen Stellen aus den Tagebüchern, die er im Einsatz schrieb) und es fühlt sich schon fast falsch an, seine Gedanken zu lesen.

Das Buch beginnt in Afghanistan – ein erster kurzer Ausblick auf das, was den Leser später noch erwartet, denn dieser Einsatz nimmt den größten Teil des Buches ein. Später, nachdem Hennessey in der königlichen Militärakademie Sandhurst angekommen ist, begleiten wir ihn bei der morgendlichen Routine – die gewisse Züge von Schikane trägt – und sind bei Exkursionen und Übungen dabei. Gemeinsam mit ihm hinterfragen wir bestimmte Abläufe, lachen und leiden mit ihm.

Hennesseys erste Verwendung ist der Einsatz in Bosnien, der ihm jedoch zu langweilig und nicht gefährlich genug ist.

“Out in Bosnia, however, the guys who’d wanted for so long to get out there were chomping at the bit to get back and start training for Iraq, which was where ‘it’ was at.” (100)

Bosnien ist für Hennessey ein Anti-Klimax. Nachdem er in Sandhurst zum Ende seiner Ausbildung hauptsächlich auf Häuserkämpfe und Gefechte gegen Aufständische vorbereitet wurde, findet er Peacekeeping, die Unterstützung der Polizei, Malarbeiten in Schulen und Brückenbau lächerlich.

Auch seine nächste Verwendung als Wache am Buckingham Palace empfindet Hennessey zunächst als unspektakulär – bis zum 07. Juli 2005, als bei den Terroranschlägen in London Bomben in den U-Bahnen und einem Bus explodieren. Nun erlebt er das Chaos, die Verzweiflung, aber auch den Nervenkitzel, nach dem er sich vorher sehnte.

Als entschieden wird, dass am Tag nach dem Anschlag trotz aller Sicherheitsbedenken das normale Zeremoniell fortgeführt werden soll, schreibt er

“There had been grumbles […] that marching behind a ruddy great band in bright red tunics down the public streets of London was an invitation to a follow-up which couldn’t be adequately protected by some barriers and a few mounted police. But that was the whole point, that was why it felt so good and why chests were more than usually puffed out, the bayonets of the escort to the Colour more than usually shiny as a gesture of defiance that said ‘This is what we do, this is our way of life, this is why more people from around the world come to this city than anywhere else, and you’re not going to stop it.’” (111)

Nach einer Exkursion zu einer internationalen Übung in Malaysia wird für Hennessey (“All we wanted for Christmas was to go to Iraq“ (124)) ein Traum wahr. Der Irakkrieg war schon in Sandhurst das Ziel Hennesseys und seiner Kameraden, und schon auf dem Weg nach Bosnien wurden die Absolventen, mit der ersten Verwendung im Irakeinsatz beneidet.

Hennessey macht keinen Hehl aus seiner Vorfreude, er merkt zwar, dass weder seine Familie noch seine Freundin diese teilen können, im ersten Moment und auch während eines Heimaturlaubes prahlt er jedoch damit, dass er nun in den Krieg zieht und zeigt wenig Verständnis für die Sorgen der Daheimgebliebenen – tatsächlich spielt er damit:

“We were going to Iraq. […] Iraq, where it was kicking off again after the post-invasion honeymoon that it was becoming increasingly obvious the British army had squandered down in Basrah. Iraq, from where I’d be able to send back the tantalizing and heroic e-mails I’d already started composing as I sped down to London that evening with the good news. […] I was so excited I was practically winking at the model-fit door girl as I swaggered into whichever over-priced bar it was where someone was having a birthday – don’t worry whether or not I’m on the list, babe. I’m off to war. So excited that I didn’t get it when I broke the news to [my girlfriend] Jen and the girls and they didn’t share my ecstatic grin. Didn’t get that she’d be upset, that she read the reports in the papers not as grizzly invitations to come and prove yourself but as ominous threats from a malign force that wanted to seduce her boyfriend away to his idiot death.” (126-127)

Von Anfang an erleben wir etwas, das Hennessey im letzten Kapitel (315) mit einem Sportler bei den olympischen Spielen vergleicht. Schlimmer als Silber ist nur noch die Goldmedaille. Er will endlich an einem „richtigen“ Krieg teilnehmen und schreibt über Afghanistan

“This was our moment, our X-Factor-winning, one perfect fucking moment; we finally had a war.” (6)

Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan bleibt – wie bei einem Computerspiel wenn das letzte Level erreicht ist – nichts mehr. Afghanistan, von Beginn an neben dem Irakkrieg das Ziel für Hennessey und seine Kameraden, ist vorbei. Er hat Chaos, Verzweiflung, Hoffen, Bangen und Sehnsucht – oft auch nur nach einer warmen Dusche – erlebt. Er war Zeuge davon, wie viel zu junge Männer in einem Augenblick erwachsen wurden.  Er hat erlebt, wie seine britischen Kameraden und Mitglieder der ANA-Partner verwundet oder gefallen sind. Wieder in Großbritannien ist er mit dem Unverständnis der Bevölkerung, seiner Freundin, seiner Familie konfrontiert. Verstanden wird er lediglich von den Kameraden, mit denen er Seite an Seite auch um sein Leben kämpfte. Bei einer Vorführung von Videos, die während des Einsatzes seiner Brigade gedreht wurden, kann er nicht bei seiner Freundin sitzen – die einzige Möglichkeit, sich an das Geschehene zu erinnern, ist an der Seite seiner Kameraden. (307-308)

Nun muss er mit ansehen, wie jeder einzelne versucht, das Erlebte zu verarbeiten oder zu vergessen.

“And of course then no one really knows what to say […]. How could we tell [friends, teachers and godparents] that what we felt most about being home was jealous of 52 Brigade who were out there in our bases, with our Afghans, shooting our enemy? How could you rationalize the moments when you’d break into a cold sweat at the traffic lights, clench your teeth, caught between tears and laughter and not a clue why? How could you explain to the well-meaning, well-intentioned, sensitively phrased questions that you’d loved it […] and that you were sad that there were no more e-mails to send? You couldn’t. So we drank, and mess nights and Friday nights and weeks of leave blurred into the one long inevitable violent pattern, where […] you found yourself staring down the wrong sort of men on the wrong sort of streets just because deep down you wanted a fight.” (306-307)

Patrick Hennessey hat die Armee nach einer kurzen Verwendung auf den Falklandinseln verlassen. Jetzt studiert er Jura und plant, sich auf internationales humanitäres Recht zu spezialisieren.

Ich habe in den letzten zwei Jahren etliche Bücher über Afghanistan gelesen. Von Geschichtsbüchern über Reiseberichte, Romane und Sachbücher, die sich mit ISAF beschäftigen war alles dabei. The Junior Officers‘ Reading Club gibt einen tiefen Einblick in den Horror und die Verzweiflung des Krieges, den man sich zu Hause in Großbritannien oder eben in Deutschland so vermutlich nicht vorstellen kann oder will. Ich kenne kein deutsches Gegenstück, dass so unverhüllt die Zustände der Armee und die Gegebenheiten des Afghanistaneinsatzes beschreibt. Dieses Buch konnte in dieser Art und Weise nur aus britischer Sicht geschrieben werden, da die Provinz Helmand im Süden Afghanistans bereits seit Jahren von so schweren Gefechten geprägt ist, wie Hennessey sie beschreibt. Es bleibt zu hoffen, dass es kein deutsches Äquivalent geben wird oder geben muss.

Weitere Rezensionen und mehr:

Jardine, Cassandra (30 June 2009). Patrick Hennessey interview: How we survived Iraq. The Daily Telegraph.

Tonkin, Boyd. (26 June 2009). The Junior Officers‘ Reading Club, By Patrick Hennessey. Confessions of a Laptop Warrior. The Independent.