Archiv der Kategorie: Frauen

Leseempfehlung „Mein Freund ist in Afghanistan“

Meine Heimatfront empfiehlt völlig zu Recht „Mein Freund ist in Afghanistan“ von Maja Lenzen in der FAZ.

Darin erzählt die Freundin eines Bundeswehrsoldaten davon, wie das ist, wenn der Freund in Afghanistan ist, jeder Tag der letzte sein kann und was für Reaktionen sie bekommt, wenn sie erzählt, dass ihr Freund im Einsatz ist. Sie berichtet davon, wie unwirklich das friedliche Leben hier ist, von unterschwelliger Angst, Gefühlen der Schuld und davon, dass die Veranstaltungen des Familienbetreuungszentrums oft „gut gemeint, aber nicht gut gemacht“ sind. Leider ist das einigen von uns nicht neu:

…und dann sagte er etwas, das er dauernd wiederholte und was in meinem Kopf diese beiden Welten, die sich in diesem Vortragsraum in diesem Augenblick einander hätten nähern können, mit einem Mal so laut aufeinanderknallen ließ, dass danach die Kluft zwischen ihnen erst richtig sichtbar war. Er sagte nämlich: „Unsere Soldaten im Einsatz“ und er sagte: „Ihr Soldat im Einsatz“. Immer wieder sagte er das. „Unsere Soldaten“, „Ihr Soldat“. Ich aber saß da, hörte zu und dachte: Mein Freund ist nicht mein Soldat. Er ist mein Freund. Im Krieg…

Sie erzählt auch von der Rückkehr von Soldaten aus Afghanistan am Leipziger Flughafen, den sie sich angeschaut hat, um vorbereitet zu sein. Um zu wissen, wie so etwas vor sich geht.

Man sah, dass einige beim Friseur gewesen waren, jede von ihnen hatte sich sehr sorgfältig zurechtgemacht, einige hielten rote Rosen in der Hand. Die nicht mehr ganz so jungen Frauen, meistens mit schulfähigen Kindern an der Hand, wirkten vor allem müde und erschöpft. Wahrscheinlich, dachte ich, machen sie dieses Leben als Soldatenfrau schon länger mit, warten nicht zum ersten Mal, erst monatelang, jetzt am Flughafen.

Maja Lenzen schreibt einen bewegenden, sehr emotionalen und unverschleierten Text, der völlig ohne Kitsch auskommt und absolut lesenswert ist.

Am Mittwoch kommt ihr Freund zurück. Ich wünsche den beiden alles Gute und ganz viel Kraft.

„…before you get to be defense minister“ – Frauen als Entscheider in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik

Das Thema der Frauen in der Sicherheitspolitik wurde hier bereits angeschnitten.

Vergangene Woche veranstaltete Women in International Security Deutschland e.V., die deutsche Sektion von WIIS gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und der amerikanischen Botschaft in Deutschland eine transatlantische Fachtagung mit dem Namen „Decision-Making in Security and Defense Policy: Men Without Women?“

Das Thema Frauen in der Sicherheitspolitik hat viele Facetten, die in der Vergangenheit bereits hier und an anderer Stelle angerissen wurden. Zum 10-jährigen Jubiläum der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates, in der ein höherer Anteil von Frauen bei der Verhütung, Bewältigung und Beilegung von Konflikten gefordert wurde, ging es während der Tagung um bereits erreichte Ziele und den Anteil der Frauen in Entscheiderpositionen.

Jede Referentin hatte einen ganz eigenen Werdegang – militärisch oder zivil, national oder international, auf der Seite der Entscheider oder als Beobachter.

Nach der Begrüßung durch Hans-Ulrich Klose hat Dr. Constanze Stelzenmüller (bekannt als ehemalige Redakteurin bei der Zeit, durch ihre Arbeit beim German Marshall Fund in Berlin oder als Vorstandsvorsitzende von WIIS Deutschland e.V.) kurz in die Thematik eingeführt.

Die aus Washington, DC angereiste Dr. Kathleen Hicks berichtete über ihre Arbeit als US Deputy Under Secretary of Defense for Strategy, Plans and Forces (in Deutschland etwa vergleichbar mit dem Fü S III) im Pentagon. Ihre Vorgesetzte Michèle Flournoy ist die Nummer 3 im Pentagon, und steht im Organigramm des Pentagons sogar über Gen. Petraeus und allen weiteren Kommandeuren des US Militärs. Über Dr. Kathleen Hicks wurde von All Business Ende 2009 der Artikel A Woman’s Place is at the Pentagon geschrieben. Und schon darin sieht man dass es in den USA viel selbstverständlicher ist, dass Frauen sich nicht nur für Sicherheitspolitik interessieren sondern sich daran sowohl auf praktischer Ebene als Soldat und auch auf Entscheiderebene beteiligen als das in Deutschland der Fall ist. Denn – wie Dr. Constanze Stelzenmüller verdeutlichte – wer kann sich in Deutschland einen Artikel mit dem Titel „Der Platz einer Frau ist im BMVg“ vorstellen? (Und meint damit nicht nur eine Referentenstelle sondern eine Position, in der sie wirklich mitreden kann?)

In den USA sind fünfzehn Prozent der Streitkräfte und ein Viertel der Mitarbeiter im Pentagon weiblich. Bei einer angestrebten Karriere in der Sicherheitspolitik als Frau gibt es dort genau wie hier drei Stolpersteine:
1) das Alter – viele sind noch sehr jung
2) das Geschlecht
3) die fehlende operative Erfahrung

Das Geschlecht spielt bei der Einstellung die geringste Rolle, so Dr. Kathleen Hicks. Natürlich ist es in den USA schon viel länger normal, dass Frauen in den Streitkräften dienen und im Auswärtigen Amt arbeiten – seit 1970 dürfen Frauen Soldaten werden, seit 1972 im diplomatischen Dienst arbeiten. Im Vergleich zu den zehn Jahren die deutsche Frauen in der Bundeswehr (abgesehen vom Sanitätsdienst) akzeptiert sind, habe wir also noch einen langen Weg vor uns. Aber vielleicht können wir uns ja an den amerikanischen Verhältnissen ein Beispiel nehmen.

Denn in den USA gibt es inzwischen den ersten weiblichen ****-General – Ann E. Dunwoody.

Während der Fachtagung stellte sich besonders heraus, dass Frauen sich eher für einen Beruf in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik entscheiden, wenn sie bereits durch die Familie in Berührung mit den Streitkräften gekommen sind. Und wenn ich mir meinen Freundes- und Bekanntenkreis so ansehe kann ich das nur bestätigen. Die meisten der weiblichen Soldaten die ich kenne, sind entweder durch ihren Vater oder Bruder (in Einzelfällen durch die Mutter) zum Militär gekommen – oder später durch ihren Partner. Übrigens kommt auch General Dunwoody aus einer Militärfamilie.

Laut Aussage von Major Paula Broadwell, einer amerikanischen Soldatin die zur Tagung extra aus Afghanistan gekommen war, gibt es in den amerikanischen Streitkräften keine so genannte „brass ceiling“. Sie hatte nie Probleme damit, eine Frau beim Militär zu sein und sagte so lange sie ihren Job macht, stört es weder sie noch ihre Kameraden oder Vorgesetzten, dass sie eine Frau ist. Das ist umso erstaunlicher, da die Westpoint Absolventin bei den Sondereinsatzkräften ist, von denen lediglich 2 Prozent weiblich sind.

Fazit der Veranstaltung ist, dass es keiner Quote bedarf um Frauen in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik auch und verstärkt in Entscheiderpositionen zu bringen. Die diskutierenden Podiumsmitglieder meinten selbst, dass Qualität wesentlich wichtiger ist, als ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen zu erreichen. Die Vorteile von Frauen in den Streitkräften wurden natürlich auch hervorgehoben – beispielsweise mit dem Lioness-Programm in Afghanistan, das sich ausschliesslich aus weiblichen Marines zusammensetzt, die als Multiplikator agieren. In einem Land wie Afghanistan mit einer etwa 49%igen weiblichen Bevölkerung werden so Frauen und Kinder erreicht, mit denen männliche Soldaten aufgrund der kulturellen Gegebenheiten nicht hätten interagieren können.

Nur am Rande – und vielleicht auch um den Titel des Beitrags zu erklären: der ermunterndste (und ein kollektives Schmunzeln hervorrufende) Satz begann mit den Worten „At junior level, before you get to be defense minister….“ Genau. Denn der Platz einer Frau ist schließlich im BMVg. Oder nicht?

Quellen und weitere Informationen:

Bahlo, Freimut. (1997). Steg durch das Verteidigungsministerium Bonn. Wikimedia.

Lioness the Film. (9. Mai 2009). Marines Use Lionesses in Afghanistan.

Mulrine, Anna. (1. November 2009). A Woman’s Place Is at the Pentagon. All Business.

Flecktarn ist nicht immer olivgrün oder Willkommen in Testeronien

„We have women in the military, but they don’t put us in the front lines. They don’t know if we can fight or if we can kill. I think we can. All the general has to do is walk over to the women and say, ‚You see the enemy over there? They say you look fat in those uniforms.'“
— Elayne Boosler, amerikanische Comedienne

In diesem Zusammenhang sollte man angelehnt an die Schriftstellerin Rahel Varnhagen vielleicht einmal fragen

Hat die Verteidigung etwa (k)ein weibliches Geschlecht?

In den letzten Jahren wurde viel über Frauen und Kriege geschrieben. Dabei ging es jedoch meist gar nicht um Frauen als Kombattanten, sondern vielmehr um Frauen als Opfer des Krieges. Herfried Münkler von der Humboldt-Universität zu Berlin hat in seinem Buch Die neuen Kriege darauf hingewiesen, dass es besonders bei Kindersoldaten wie in Sierra Leone oder Birma zu einer starken Resexualisierung des Krieges gekommen ist. Er zeigt eine verstärkte Brutalität des Krieges auf, denn die Erfüllung sexueller Bedürfnisse lässt sich für die jugendlichen Kämpfer durch ihre Bewaffnung wesentlich schneller und einfacher erreichen. Vergewaltigungen sind nicht mehr „nur“ eine Begleiterscheinung des Krieges – sie sind inzwischen leider eine „normale Waffe“ geworden. Daneben gibt es auch Fälle von sexuellen Übergriffen innerhalb der Truppe – in den USA wurde deshalb endlich eine Task-Force „sexuelle Nötigung in den Streitkräften“ innerhalb des Verteidigungsausschusses gegründet, die sich damit beschäftigt. Dann wird sich hoffentlich bald etwas ändern. Es ist ja kein Zustand, dass US-Soldatinnen im Einsatz nach 19 Uhr nichts mehr trinken aus Angst nachts auf die Toilette zu müssen und dort vergewaltigt zu werden!

Seit 10 Jahren dürfen Frauen auch in der Bundeswehr Dienst an der Waffe leisten. Dass es dabei Vorbehalte ihrer männlichen Kameraden gab und gibt ist bekannt und vielleicht noch nicht einmal besonders verwunderlich. Dennoch sind inzwischen fast 17.000 Soldatinnen bei der Bundeswehr. Dass sie auch in Auslandseinsätze gehen ist für sie selbstverständlich und gehört eben dazu. Derzeit sind über 380 Frauen im Einsatz.

Trotz dieser Fortschritte sind Frauen noch immer nicht komplett in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik angekommen. Noch immer fühlen sich Frauen bei Podiumsdiskussionen, sicherheitspolitischen Veranstaltungen oder Wehrkongressen als Exoten. Es kann natürlich auch von Vorteil sein, wenn die 98 Prozent Männer einem selbst erstmal skeptisch gegenüber stehen und man in jedem zweiten Gesicht lesen kann „Was will die denn hier?“. Wenn sich dann aber herausstellt, dass man (trotz weiblichen Geschlechts) auch nicht bis eben auf Bäumen gelebt hat und sich tatsächlich auf dem Gebiet der Verteidigung auskennt, wird das auch anerkannt. Dann kann es auch mal zu Komplimenten wie „Weisst Du, wir [fünf Reserveoffiziere] dachten ja eigentlich alle, dass Du Offizier bist. Weil Du Dich so gut auskennst.“ Und das ist dann auch schön.

Durch Vereine wie Women in International Security Deutschland e.V., einer Schwesterorganisation von WIIS USA, ist klar, dass es auch in Deutschland immer mehr Forscherinnen und Entscheidungsträgerinnen auf diesem Gebiet gibt. Damit sollten Sätze wie „Sehr geehrte Frau …. Sehr geehrte Herren.“ endgültig der Vergangenheit angehören.

Literaturempfehlungen:

Münkler, Herfried. (2004). Die neuen Kriege. Reinbek: Rowohlt Verlag GmbH. oder Berlin: Bundeszentrale für Politische Bildung.
(Auch wenn er nicht den Begriff der neuen Kriege geprägt hat, ist er sicherlich ihr bekanntester Forscher.)

Gibbs, Nancy. (08. März 2010) Sexual Assaults on Female Soldiers: Don’t Ask, Don’t Tell. Time.

Goldenberg, Suzanne. (25. Oktober 2004). ‚I reported the rape within 30 minutes – then watched my career implode‘ The Guardian.

Vielleicht auch interessant:
Goldenstein, Joshua S. (2001). War and gender. Cambridge: Cambridge University Press.