Archiv der Kategorie: Literaturempfehlung

Rezension: Feindberührung – Ein bitterböser Blick auf die Einsatzrealität der Bundeswehr in Afghanistan

Cover des Kriminalromans Feindberührung von Gregor Weber

Gregor Weber ist als saarländischer „Tatort“-Kommissar Stefan Deininger bekannt. Der Schauspieler und Stabsunteroffizier d.R. setzt sich dafür ein, dass die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) in Deutschland mehr Aufmerksamkeit bekommt. Daher sprach er unter anderem am 03. April 2011 beim PTBS-Tag des Reservistenverbandes in Berlin. Sein Engagement für dieses Thema begründet er so:

„weil die betroffenen Soldatinnen und Soldaten unsere Nachbarn, Mitbürger, Freunde oder Verwandte sind. Sie sind unsere Soldaten. Sie machen traumatische Erfahrungen in Einsätzen, in die sie aufgrund parlamentarischer Entscheidungen entsandt werden. Von meinen Abgeordneten. In meinem Namen. Das verpflichtet zur Solidarität, selbst wenn man mit den Einsätzen politisch nicht einverstanden ist.“

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur logisch, dass auch sein erster Kriminalroman Feindberührung (erschien am 23. Mai 2011) mit der Bundeswehr, Auslandseinsätzen und PTBS zu tun hat. Im Krimi beschäftigt er sich mit dem Alltag deutscher Soldaten im Einsatz in Afghanistan und nach ihrer Rückkehr in Deutschland. Webers Buch ist fiktiv, die Schauplätze sind eine fiktive Garnisonsstadt in Süddeutschland und das Einsatzgebiet der Bundeswehr in Afghanistan. Die Handlung dreht sich um den Fallschirmjäger Lars „Bomber“ Rems, der in Deutschland ermordet aufgefunden wird. Alles deutet darauf hin, dass der Mord in Zusammenhang mit seinem letzten Einsatz in Afghanistan steht, bei dem er durch eine IED-Explosion schwer verwundet wurde. Weiterlesen

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Lesenswert: Armee auf dem Rückzug von Joachim Käppner (Süddeutsche Zeitung, 29./30.Oktober 2011)

Von einem Historiker erwarten Leser fundierte Informationen und eine Einordnung des Geschehens. Man erwartet ebenfalls, dass ein Historiker belesen sei und bestenfalls auch ein Spezialgebiet habe. Bei Joachim Käppner ist das so. Er ist Historiker und hat in den letzten Jahren Bücher über Generale, den zweiten Weltkrieg und die deutsche Geschichte geschrieben. Als Kolumnist befasst er sich aber auch mit der Zukunft: in seinem Kommentar Armee auf dem Rückzug schreibt Käppner in der Süddeutschen Zeitung über die Zukunft der Bundeswehr nach ihrer Verkleinerung. Weiterlesen

Patrick Hennessey – The Junior Officers’ Reading Club: Killing Time and Fighting Wars.

The problem was all in the name; ‚mentoring‘ and ‚liaison‘ sounded like holding hands and building bridges. If we’d wanted to build bridges we’d have joined the Engineers; we were combat soldiers, teeth arm, and our culture demanded more. (14)

In britischen Buchhandlungen geht seit Monaten das Buch eines jungen Ex-Soldaten über den Tisch. Im Bestseller The Junior Officers‘ Reading Club schreibt der Brite Patrick Hennessey über seine Zeit in der königlichen Militärakademie Sandhurst, und während seiner Einsätze im Irak und in Afghanistan.

Schnörkellos – und mit Sicherheit nicht politisch korrekt und deutlicher als man es (zumindest offiziell) aus Deutschland kennt – berichtet er beispielsweise davon, wie er in der Provinz Helmand dafür eingesetzt wurde, die Afghanische Armee (ANA) auszubilden:

„They couldn’t shape their berets. They didn’t get up early and they stopped everything for meals, for prayer, for a snooze. They had no discipline. They smoked strong hashish and mild opium. They couldn’t map-read. They had no tanks, no planes, no order to the chaos of their stores. Their weapons weren’t accounted for. Their barracks weren’t health and safety compliant. They wore what they wanted, when they wanted and walked around holding hands. They lacked everything that British Army training believed in and taught – and fuck me if most of them hadn’t killed more Russians than we had ever seen. I loved them. I liked that they had more balls than I ever did to just stand up and say ‚why‘ or ’no‘ or ‚I don’t care if there is a war on and a massive IED threat, I like watermelon so I’m going to steal a car that I can’t drive and run a Taliban checkpoint in order to go to the market.‘ I couldn’t train them at all.“ (S. 17)

Hennessey beschreibt ohne um den heißen Brei herum zu reden, manchmal haben seine Zeilen fast Tagebuchcharakter (tatsächlich zitiert er an einigen Stellen aus den Tagebüchern, die er im Einsatz schrieb) und es fühlt sich schon fast falsch an, seine Gedanken zu lesen.

Das Buch beginnt in Afghanistan – ein erster kurzer Ausblick auf das, was den Leser später noch erwartet, denn dieser Einsatz nimmt den größten Teil des Buches ein. Später, nachdem Hennessey in der königlichen Militärakademie Sandhurst angekommen ist, begleiten wir ihn bei der morgendlichen Routine – die gewisse Züge von Schikane trägt – und sind bei Exkursionen und Übungen dabei. Gemeinsam mit ihm hinterfragen wir bestimmte Abläufe, lachen und leiden mit ihm.

Hennesseys erste Verwendung ist der Einsatz in Bosnien, der ihm jedoch zu langweilig und nicht gefährlich genug ist.

“Out in Bosnia, however, the guys who’d wanted for so long to get out there were chomping at the bit to get back and start training for Iraq, which was where ‘it’ was at.” (100)

Bosnien ist für Hennessey ein Anti-Klimax. Nachdem er in Sandhurst zum Ende seiner Ausbildung hauptsächlich auf Häuserkämpfe und Gefechte gegen Aufständische vorbereitet wurde, findet er Peacekeeping, die Unterstützung der Polizei, Malarbeiten in Schulen und Brückenbau lächerlich.

Auch seine nächste Verwendung als Wache am Buckingham Palace empfindet Hennessey zunächst als unspektakulär – bis zum 07. Juli 2005, als bei den Terroranschlägen in London Bomben in den U-Bahnen und einem Bus explodieren. Nun erlebt er das Chaos, die Verzweiflung, aber auch den Nervenkitzel, nach dem er sich vorher sehnte.

Als entschieden wird, dass am Tag nach dem Anschlag trotz aller Sicherheitsbedenken das normale Zeremoniell fortgeführt werden soll, schreibt er

“There had been grumbles […] that marching behind a ruddy great band in bright red tunics down the public streets of London was an invitation to a follow-up which couldn’t be adequately protected by some barriers and a few mounted police. But that was the whole point, that was why it felt so good and why chests were more than usually puffed out, the bayonets of the escort to the Colour more than usually shiny as a gesture of defiance that said ‘This is what we do, this is our way of life, this is why more people from around the world come to this city than anywhere else, and you’re not going to stop it.’” (111)

Nach einer Exkursion zu einer internationalen Übung in Malaysia wird für Hennessey (“All we wanted for Christmas was to go to Iraq“ (124)) ein Traum wahr. Der Irakkrieg war schon in Sandhurst das Ziel Hennesseys und seiner Kameraden, und schon auf dem Weg nach Bosnien wurden die Absolventen, mit der ersten Verwendung im Irakeinsatz beneidet.

Hennessey macht keinen Hehl aus seiner Vorfreude, er merkt zwar, dass weder seine Familie noch seine Freundin diese teilen können, im ersten Moment und auch während eines Heimaturlaubes prahlt er jedoch damit, dass er nun in den Krieg zieht und zeigt wenig Verständnis für die Sorgen der Daheimgebliebenen – tatsächlich spielt er damit:

“We were going to Iraq. […] Iraq, where it was kicking off again after the post-invasion honeymoon that it was becoming increasingly obvious the British army had squandered down in Basrah. Iraq, from where I’d be able to send back the tantalizing and heroic e-mails I’d already started composing as I sped down to London that evening with the good news. […] I was so excited I was practically winking at the model-fit door girl as I swaggered into whichever over-priced bar it was where someone was having a birthday – don’t worry whether or not I’m on the list, babe. I’m off to war. So excited that I didn’t get it when I broke the news to [my girlfriend] Jen and the girls and they didn’t share my ecstatic grin. Didn’t get that she’d be upset, that she read the reports in the papers not as grizzly invitations to come and prove yourself but as ominous threats from a malign force that wanted to seduce her boyfriend away to his idiot death.” (126-127)

Von Anfang an erleben wir etwas, das Hennessey im letzten Kapitel (315) mit einem Sportler bei den olympischen Spielen vergleicht. Schlimmer als Silber ist nur noch die Goldmedaille. Er will endlich an einem „richtigen“ Krieg teilnehmen und schreibt über Afghanistan

“This was our moment, our X-Factor-winning, one perfect fucking moment; we finally had a war.” (6)

Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan bleibt – wie bei einem Computerspiel wenn das letzte Level erreicht ist – nichts mehr. Afghanistan, von Beginn an neben dem Irakkrieg das Ziel für Hennessey und seine Kameraden, ist vorbei. Er hat Chaos, Verzweiflung, Hoffen, Bangen und Sehnsucht – oft auch nur nach einer warmen Dusche – erlebt. Er war Zeuge davon, wie viel zu junge Männer in einem Augenblick erwachsen wurden.  Er hat erlebt, wie seine britischen Kameraden und Mitglieder der ANA-Partner verwundet oder gefallen sind. Wieder in Großbritannien ist er mit dem Unverständnis der Bevölkerung, seiner Freundin, seiner Familie konfrontiert. Verstanden wird er lediglich von den Kameraden, mit denen er Seite an Seite auch um sein Leben kämpfte. Bei einer Vorführung von Videos, die während des Einsatzes seiner Brigade gedreht wurden, kann er nicht bei seiner Freundin sitzen – die einzige Möglichkeit, sich an das Geschehene zu erinnern, ist an der Seite seiner Kameraden. (307-308)

Nun muss er mit ansehen, wie jeder einzelne versucht, das Erlebte zu verarbeiten oder zu vergessen.

“And of course then no one really knows what to say […]. How could we tell [friends, teachers and godparents] that what we felt most about being home was jealous of 52 Brigade who were out there in our bases, with our Afghans, shooting our enemy? How could you rationalize the moments when you’d break into a cold sweat at the traffic lights, clench your teeth, caught between tears and laughter and not a clue why? How could you explain to the well-meaning, well-intentioned, sensitively phrased questions that you’d loved it […] and that you were sad that there were no more e-mails to send? You couldn’t. So we drank, and mess nights and Friday nights and weeks of leave blurred into the one long inevitable violent pattern, where […] you found yourself staring down the wrong sort of men on the wrong sort of streets just because deep down you wanted a fight.” (306-307)

Patrick Hennessey hat die Armee nach einer kurzen Verwendung auf den Falklandinseln verlassen. Jetzt studiert er Jura und plant, sich auf internationales humanitäres Recht zu spezialisieren.

Ich habe in den letzten zwei Jahren etliche Bücher über Afghanistan gelesen. Von Geschichtsbüchern über Reiseberichte, Romane und Sachbücher, die sich mit ISAF beschäftigen war alles dabei. The Junior Officers‘ Reading Club gibt einen tiefen Einblick in den Horror und die Verzweiflung des Krieges, den man sich zu Hause in Großbritannien oder eben in Deutschland so vermutlich nicht vorstellen kann oder will. Ich kenne kein deutsches Gegenstück, dass so unverhüllt die Zustände der Armee und die Gegebenheiten des Afghanistaneinsatzes beschreibt. Dieses Buch konnte in dieser Art und Weise nur aus britischer Sicht geschrieben werden, da die Provinz Helmand im Süden Afghanistans bereits seit Jahren von so schweren Gefechten geprägt ist, wie Hennessey sie beschreibt. Es bleibt zu hoffen, dass es kein deutsches Äquivalent geben wird oder geben muss.

Weitere Rezensionen und mehr:

Jardine, Cassandra (30 June 2009). Patrick Hennessey interview: How we survived Iraq. The Daily Telegraph.

Tonkin, Boyd. (26 June 2009). The Junior Officers‘ Reading Club, By Patrick Hennessey. Confessions of a Laptop Warrior. The Independent.

Flecktarn ist nicht immer olivgrün oder Willkommen in Testeronien

„We have women in the military, but they don’t put us in the front lines. They don’t know if we can fight or if we can kill. I think we can. All the general has to do is walk over to the women and say, ‚You see the enemy over there? They say you look fat in those uniforms.'“
— Elayne Boosler, amerikanische Comedienne

In diesem Zusammenhang sollte man angelehnt an die Schriftstellerin Rahel Varnhagen vielleicht einmal fragen

Hat die Verteidigung etwa (k)ein weibliches Geschlecht?

In den letzten Jahren wurde viel über Frauen und Kriege geschrieben. Dabei ging es jedoch meist gar nicht um Frauen als Kombattanten, sondern vielmehr um Frauen als Opfer des Krieges. Herfried Münkler von der Humboldt-Universität zu Berlin hat in seinem Buch Die neuen Kriege darauf hingewiesen, dass es besonders bei Kindersoldaten wie in Sierra Leone oder Birma zu einer starken Resexualisierung des Krieges gekommen ist. Er zeigt eine verstärkte Brutalität des Krieges auf, denn die Erfüllung sexueller Bedürfnisse lässt sich für die jugendlichen Kämpfer durch ihre Bewaffnung wesentlich schneller und einfacher erreichen. Vergewaltigungen sind nicht mehr „nur“ eine Begleiterscheinung des Krieges – sie sind inzwischen leider eine „normale Waffe“ geworden. Daneben gibt es auch Fälle von sexuellen Übergriffen innerhalb der Truppe – in den USA wurde deshalb endlich eine Task-Force „sexuelle Nötigung in den Streitkräften“ innerhalb des Verteidigungsausschusses gegründet, die sich damit beschäftigt. Dann wird sich hoffentlich bald etwas ändern. Es ist ja kein Zustand, dass US-Soldatinnen im Einsatz nach 19 Uhr nichts mehr trinken aus Angst nachts auf die Toilette zu müssen und dort vergewaltigt zu werden!

Seit 10 Jahren dürfen Frauen auch in der Bundeswehr Dienst an der Waffe leisten. Dass es dabei Vorbehalte ihrer männlichen Kameraden gab und gibt ist bekannt und vielleicht noch nicht einmal besonders verwunderlich. Dennoch sind inzwischen fast 17.000 Soldatinnen bei der Bundeswehr. Dass sie auch in Auslandseinsätze gehen ist für sie selbstverständlich und gehört eben dazu. Derzeit sind über 380 Frauen im Einsatz.

Trotz dieser Fortschritte sind Frauen noch immer nicht komplett in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik angekommen. Noch immer fühlen sich Frauen bei Podiumsdiskussionen, sicherheitspolitischen Veranstaltungen oder Wehrkongressen als Exoten. Es kann natürlich auch von Vorteil sein, wenn die 98 Prozent Männer einem selbst erstmal skeptisch gegenüber stehen und man in jedem zweiten Gesicht lesen kann „Was will die denn hier?“. Wenn sich dann aber herausstellt, dass man (trotz weiblichen Geschlechts) auch nicht bis eben auf Bäumen gelebt hat und sich tatsächlich auf dem Gebiet der Verteidigung auskennt, wird das auch anerkannt. Dann kann es auch mal zu Komplimenten wie „Weisst Du, wir [fünf Reserveoffiziere] dachten ja eigentlich alle, dass Du Offizier bist. Weil Du Dich so gut auskennst.“ Und das ist dann auch schön.

Durch Vereine wie Women in International Security Deutschland e.V., einer Schwesterorganisation von WIIS USA, ist klar, dass es auch in Deutschland immer mehr Forscherinnen und Entscheidungsträgerinnen auf diesem Gebiet gibt. Damit sollten Sätze wie „Sehr geehrte Frau …. Sehr geehrte Herren.“ endgültig der Vergangenheit angehören.

Literaturempfehlungen:

Münkler, Herfried. (2004). Die neuen Kriege. Reinbek: Rowohlt Verlag GmbH. oder Berlin: Bundeszentrale für Politische Bildung.
(Auch wenn er nicht den Begriff der neuen Kriege geprägt hat, ist er sicherlich ihr bekanntester Forscher.)

Gibbs, Nancy. (08. März 2010) Sexual Assaults on Female Soldiers: Don’t Ask, Don’t Tell. Time.

Goldenberg, Suzanne. (25. Oktober 2004). ‚I reported the rape within 30 minutes – then watched my career implode‘ The Guardian.

Vielleicht auch interessant:
Goldenstein, Joshua S. (2001). War and gender. Cambridge: Cambridge University Press.