Krieg, Frieden und Stolz. Ein Besuch des Canadian War Museum.

Was ist Krieg?

Das Canadian War Museum/Musée canadien de la guerre in der kanadischen Haupstadt Ottawa ist mehr als nur ein militärhistorisches Zeugnis Kanadas.

Es ist eine Mahnung, wie schrecklich Krieg ist und thematisiert Verwundung, gefallene Soldaten, Kriegsgefangenschaft und PTBS. Es berichtet von Angst, Mut, Menschlichkeit und Überleben. Aber auch Brutalität, Waffen, Familie und Hass werden nicht verschwiegen. Das Museum würdigt die Opfer, die kanadische Soldaten und ihre Familien gebracht haben und bis heute bringen. Es feiert und erinnert an glanzvolle Stunden in der kanadischen Militärgeschichte und an schwarze Kapitel der Schande dieses Landes. Kanadier sollen sich daran erinnern, wie Kriege die Geschichte des Landes geprägt haben und sie sollen diese Geschichte teilen.

Das Museum besteht aus begehbaren bzw. erlebbaren Exponaten, Audio- und Videobeispielen und aus Einzelschicksalen (und ihren Einsatzmedaillen), die stellvertretend für viele stehen.

Die ersten Kriege

Das Museum ist in fünf Abschnitte unterteilt. Der Besuch beginnt mit den ersten gewaltsamen Handlungen zwischen Menschen auf kanadischem Boden vor etwa 5000 Jahren bis zum Jahr 1885.

Darauf folgten die Burenkriege in Südafrika („For Crown and Country“), in denen mehr als 7000 Kanadier auf Seiten des britischen Empire kämpften.

Kanada hat erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kontrolle über seine Landesverteidigung übernommen. Der Wille, größere Verantwortung dafür zu übernehmen, zeigt sich unter anderem darin, dass zu dieser Zeit Waffenfabriken gebaut wurden, die Marine gegründet wurde, Kadetten ausgebildet wurden und ein „Nationalgewehr“ massenproduziert wurde.

Der Erste Weltkrieg

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, waren insbesondere Kanadier mit britischer Herkunft euphorisch. Viele meldeten sich freiwillig, angezogen vom Empire, Abenteuerlust und Arbeitslosigkeit. Sie gingen davon aus, zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein.

Private Harold Peat schrieb:

Men are waving, women are cheering, weeping has yet to come.

Die kanadischen Soldaten, die an der Seite britischer Soldaten kämpften, wurden mit der so genannten Ross Rifle ausgestattet. Ein Scharfschützengewehr, das unter idealen Bedingungen – wie auf einer Schießbahn – sehr gut und präzise funktionierte. In den Schützengräben blockierte das Gewehr jedoch immer wieder durch Schmutz und durch die Hitze unter Schnellfeuer. Außerdem war die britische Munition manchmal einen Bruchteil größer als die kanadische Munition und blieb in der Waffe hängen. Etliche Soldaten verloren auf diese Weise ihr Leben. Kanadische Frontsoldaten sagten über die Ross Rifle, dass sie nur als Knüppel nützlich sei und gingen dazu über, die Lee-Enfields gefallener Briten einzusammeln, da diese besser funktionierten.

Die Kanadier zu Hause waren schockiert angesichts gefallener Soldaten und Kriegsverbrechen und waren entschlossen, bis zum bitteren Ende gegen Deutschland zu kämpfen. Die Regierung beschloss, 8579 Immigranten deutscher, österreichisch-ungarischer und ukrainischer Herkunft in Arbeitslagern zu internieren, da sie als Sicherheitsrisiko galten und es wiederholt Gerüchte um geplante Revolten gab. Etwas ähnliches sollte sich im Zweiten Weltkrieg mit japanischen Einwanderern wiederholen, ein Kapitel in ihrer Geschichte, auf das Kanadier nicht stolz sind.

An der Heimatfront entschlossen sich viele Kanadier, den Krieg in der Ferne durch patriotische bzw. wohltätige Arbeit zu unterstützen:

Supporting the Boys' Families Der so genannte Canadian Patriotic Fund, von dem dieses Poster stammt, sammelte Geld um die Familien von Soldaten im Einsatz zu unterstützen. Sie haben $47 Millionen aufgebracht. In den meisten Orten gab es Aktionen unter dem Motto „do your bit“, in denen Frauen Pullover und Socken für die Soldaten gestrickt haben, gebacken und Briefe geschrieben haben.

Those of us who cannot fight can still do our bit knitting sweaters and socks, baking, writing letters. Anything the boys need.

Einsatzrealität hautnah, Kriegszitterer und Veteranen

Nach der Simulation eines Gasangriffs, bei denen das „Gas“ mir die Sicht nimmt, laufe ich durch einen Schützengraben. Der Raum ist klein und dunkel, ich kann kaum etwas sehen, höre nur Schüsse und Explosionen. Eine unglaublich bedrückende Atmosphäre.

Schützengraben 1Schützengräben 2

Die realistische Darstellung setzt sich mit der Schlacht von Passchendaele fort: PasschendaelePasschendaele 2

und verschweigt auch Themen wie shell shock oder „Kriegszitterer“, wie sie im Ersten Weltkrieg noch hießen, nicht. Das Museum zeigt bewegende Videos von Soldaten mit einer solchen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten kanadische Soldaten zurück nach Hause, in ein Land, das „auf Helden vorbereitet“ sein sollte – aber nicht war. Die schwache Wirtschaft ließ nicht zu, dass die Veteranen so versorgt wurden, wie sie es verdient hätten. Als die Veteranen sich für Unterstützung durch die Regierung einsetzten, bekamen sie finanzielle Unterstützung und Grundstücke. Davon profitierten nicht alle – etliche wurden in Krankenhäuser abgeschoben oder mussten von ihren Familien versorgt werden.

Der Zweite Weltkrieg

Das vermutlich umstrittenste Exponat im gesamten Museum ist eine der sieben Staatskarossen (und die vermutlich letzte noch existierende) von Adolf Hitler:

Hitlers Staatskarosse

Das Museum hatte überlegt, das Auto zu verkaufen, sich letztendlich aber gegen einen Verkauf entschieden, weil man nicht hätte kontrollieren können, an wen das Auto letztlich geht.

Mit der Staatskarosse beginnt die Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg.

Anders als noch im Ersten Weltkrieg bedeutete die britische Kriegserklärung nicht automatisch eine Teilnahme Kanadas am Krieg. Nach einer kurzen Debatte im Parlament erklärte Kanada Deutschland am 10. September 1939 ebenfalls den Krieg.

Erneut sollte sich das dunkle Kapitel der Internierung von Immigranten wiederholen. Verängstigt durch die frühen Siege Japans und mit der Angst einer japanischen Revolte im westkanadischen British Columbia siedelte die kanadische Regierung aufgrund öffentlicher und politischer Forderungen knapp 21000 japanische Einwanderer um.

Brave men shall not die because I have faltered

Erneut hatte Kanada eine starke Heimatfront, die auch Kinder mit einbezog. Sie suchten unter anderem nach Materialien wie Metall oder Papier, die wiederverwendet werden sollten. Darüber hinaus wurden sie auf Postern aufgefordert, im Haushalt zu helfen, um ihre Eltern zu entlasten, damit diese in Munitionsfabriken oder der Armee den Kriegsanstrengungen dienen konnten.

Veteranen wurden aufgefordert, erneut für ihr Land zu kämpfen: Rekrutierung von Veteranen

Welcome Home Daddy

Als die kanadischen Soldaten in ihre Heimat zurückkehrten, war Kanada tatsächlich ein Land, das „auf Helden vorbereitet“ Welcome Home Boyswar – anders als nach Ende des Ersten Weltkriegs. Kanada war nach Kriegsende ein vereintes Land, das eine wirtschaftliche und internationale Macht darstellte. So war das so genannte „Welcome Home“ Programm möglich, das Kriegsveteranen eine Versorgung und einen geordneten Übergang in ein ziviles Leben ermöglichen sollte. Von den 650000 Veteranen, die 1946 auf den Arbeitsmarkt kamen, fanden 95% innerhalb von 15 Monaten eine Stelle.

Der Kalte Krieg, Peacekeeping und kanadische Verteidigungspolitik heute

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben kanadische Soldaten in Korea, im Golfkrieg, im Kosovo und in Afghanistan gekämpft. Verteidigungspolitisch ist Kanada heute hauptsächlich als Peacekeeping Nation bekannt, etwa auf Zypern, im Nahen Osten, im Sudan und in Ruanda – um nur einige zu nennen.

Kanadische Soldaten sind heute unter anderem im Kongo, im Sudan und in Darfur, aber auch in Afghanistan – noch. Kanada hat seinen Kampfeinsatz in der Provinz Kandahar im Dezember 2011 offiziell beendet und unterstützt seine Bündnispartner bis 2014 in Kabul. Bis Dezember 2012 unterstützt Kanada außerdem die Operation Active Endeavour im Mittelmeer.

Fazit: Das Canadian War Museum zeigt ein realistisches Bild vom Krieg. Es glorifiziert nicht und spricht Themen wie Verwundung, gefallene Soldaten und PTBS an. Ein bewegender Besuch, der zum Nachdenken anregt.

2 Antworten zu “Krieg, Frieden und Stolz. Ein Besuch des Canadian War Museum.

  1. „Das Canadian War Museum zeigt ein realistisches Bild vom Krieg.“

    Ich glaube nicht, dass die präsentierte Disneyland-Version ein realistisches Bild des massenhaften Sterbens in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs vermitteln kann, wobei ich persönlich diese Realität nicht erlebt habe. Der für einige Augenblicke eingespielte Lärm dürften aber nur einen Teil der Erfahrung nachvollziehbar machen. Dass das Museum insgesamt nicht „glorifiziert“ dürfte ebenfalls nur einen Teil der Erfahrung wiedergeben, wie ein Blick in die Weltkriegsliteratur anhand von Autoren wie Erich-Maria Remarque und Ernst Jünger zeigt. Man darf nicht vergessen, dass gerade Jünger unter den Kriegsteilnehmern auf starken Zuspruch stieß und stellvertretend für hunderttausende Kriegsteilnehmer stand, die mit der Erfahrung des Krieges durchaus nicht nur Negatives verband. Keegan hat in seiner „Kultur des Krieges“ einiges über dieses weltweit zu beobachtende Phänomen geschrieben, das in modernen Militärmuseen leider oft unterschlagen wird.

    • Dass ein Museum dem Besucher nicht zeigen kann, wie Krieg wirklich ist, war ja von vorne herein klar. Was ich mit „zeigt ein realistisches Bild vom Krieg“ meine ist ja vielmehr, dass dort eben nicht nur erfolgreiche Schlachten und gewonnene Kriege gezeigt werden, sondern dass das Museum gerade auch darauf eingeht, dass es in all diesen Kriegen gefallene Soldaten und verwundete Veteranen gab. Dass Piloten im Schnitt drei Wochen zu leben hatten, dass junge Männer als Kriegszitterer nach Hause gekommen sind… Gleichzeitig wird verdeutlicht, wie (insbesondere) junge Menschen sich euphorisch in Kriege gestürzt haben, dass Fünfzehnjährige traurig waren, weil sie noch nicht in den Krieg ziehen durften und dass Einwanderer sowohl aus Angst als auch aus Patriotismus und Angst vor „falscher“ Loyalität während des Ersten und Zweiten Weltkriegs interniert wurden.

      All das ist für mich eine durchaus realistische, ausgewogene Darstellung und kein „Disneyland“. Ein Museum ist kein Erlebnispark, daher geht es auch nicht darum, dass jeder Besucher erleben muss, wie sich Granatsplitter in der Haut anfühlen. Aber sowohl die Euphorie als auch die Beklemmung und Angst ein bisschen nachvollziehen zu können, schadet sicher keinem Besucher.

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