Flecktarn ist nicht immer olivgrün oder Willkommen in Testeronien

„We have women in the military, but they don’t put us in the front lines. They don’t know if we can fight or if we can kill. I think we can. All the general has to do is walk over to the women and say, ‚You see the enemy over there? They say you look fat in those uniforms.'“
— Elayne Boosler, amerikanische Comedienne

In diesem Zusammenhang sollte man angelehnt an die Schriftstellerin Rahel Varnhagen vielleicht einmal fragen

Hat die Verteidigung etwa (k)ein weibliches Geschlecht?

In den letzten Jahren wurde viel über Frauen und Kriege geschrieben. Dabei ging es jedoch meist gar nicht um Frauen als Kombattanten, sondern vielmehr um Frauen als Opfer des Krieges. Herfried Münkler von der Humboldt-Universität zu Berlin hat in seinem Buch Die neuen Kriege darauf hingewiesen, dass es besonders bei Kindersoldaten wie in Sierra Leone oder Birma zu einer starken Resexualisierung des Krieges gekommen ist. Er zeigt eine verstärkte Brutalität des Krieges auf, denn die Erfüllung sexueller Bedürfnisse lässt sich für die jugendlichen Kämpfer durch ihre Bewaffnung wesentlich schneller und einfacher erreichen. Vergewaltigungen sind nicht mehr „nur“ eine Begleiterscheinung des Krieges – sie sind inzwischen leider eine „normale Waffe“ geworden. Daneben gibt es auch Fälle von sexuellen Übergriffen innerhalb der Truppe – in den USA wurde deshalb endlich eine Task-Force „sexuelle Nötigung in den Streitkräften“ innerhalb des Verteidigungsausschusses gegründet, die sich damit beschäftigt. Dann wird sich hoffentlich bald etwas ändern. Es ist ja kein Zustand, dass US-Soldatinnen im Einsatz nach 19 Uhr nichts mehr trinken aus Angst nachts auf die Toilette zu müssen und dort vergewaltigt zu werden!

Seit 10 Jahren dürfen Frauen auch in der Bundeswehr Dienst an der Waffe leisten. Dass es dabei Vorbehalte ihrer männlichen Kameraden gab und gibt ist bekannt und vielleicht noch nicht einmal besonders verwunderlich. Dennoch sind inzwischen fast 17.000 Soldatinnen bei der Bundeswehr. Dass sie auch in Auslandseinsätze gehen ist für sie selbstverständlich und gehört eben dazu. Derzeit sind über 380 Frauen im Einsatz.

Trotz dieser Fortschritte sind Frauen noch immer nicht komplett in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik angekommen. Noch immer fühlen sich Frauen bei Podiumsdiskussionen, sicherheitspolitischen Veranstaltungen oder Wehrkongressen als Exoten. Es kann natürlich auch von Vorteil sein, wenn die 98 Prozent Männer einem selbst erstmal skeptisch gegenüber stehen und man in jedem zweiten Gesicht lesen kann „Was will die denn hier?“. Wenn sich dann aber herausstellt, dass man (trotz weiblichen Geschlechts) auch nicht bis eben auf Bäumen gelebt hat und sich tatsächlich auf dem Gebiet der Verteidigung auskennt, wird das auch anerkannt. Dann kann es auch mal zu Komplimenten wie „Weisst Du, wir [fünf Reserveoffiziere] dachten ja eigentlich alle, dass Du Offizier bist. Weil Du Dich so gut auskennst.“ Und das ist dann auch schön.

Durch Vereine wie Women in International Security Deutschland e.V., einer Schwesterorganisation von WIIS USA, ist klar, dass es auch in Deutschland immer mehr Forscherinnen und Entscheidungsträgerinnen auf diesem Gebiet gibt. Damit sollten Sätze wie „Sehr geehrte Frau …. Sehr geehrte Herren.“ endgültig der Vergangenheit angehören.

Literaturempfehlungen:

Münkler, Herfried. (2004). Die neuen Kriege. Reinbek: Rowohlt Verlag GmbH. oder Berlin: Bundeszentrale für Politische Bildung.
(Auch wenn er nicht den Begriff der neuen Kriege geprägt hat, ist er sicherlich ihr bekanntester Forscher.)

Gibbs, Nancy. (08. März 2010) Sexual Assaults on Female Soldiers: Don’t Ask, Don’t Tell. Time.

Goldenberg, Suzanne. (25. Oktober 2004). ‚I reported the rape within 30 minutes – then watched my career implode‘ The Guardian.

Vielleicht auch interessant:
Goldenstein, Joshua S. (2001). War and gender. Cambridge: Cambridge University Press.

8 Antworten zu “Flecktarn ist nicht immer olivgrün oder Willkommen in Testeronien

  1. Die Erfahrungen mit dem Einsatz von Frauen in Kampftruppeneinheiten in Kampfeinsätzen sind überwiegend negativ. Wenigen Vorteilen (Einsatzmöglichkeit z.B. bei der Durchsuchung von Frauen im islamischen Raum) stehen zahlreiche Nachteile gegenüber (zusätzlicher logistischer Aufwand, reduzierte Kohäsion, höhere Verletzungsraten). Wo gleiche Maßstäbe bei Anforderungen angelegt werden, ist die Zahl der geeigneten weiblichen Kandidatinnen ohnehin in diesem Bereich meist verschwindend niedrig. Außerhalb der Kampftruppe sind diese Nachteile allerding häufig nicht relevant.

    Außerhalb der Streitkräfte sehe ich Frauen auch z.B. in beratenden Funktionen häufig im Nachteil. Die meisten sicherheitspolitischen Themen sind letztlich praktischer Natur. Akademische Qualifikation reicht m.E. meist nicht aus, um hier Mehrwert zu produzieren.

    Die wirklich interessanten Beiträge der sicherheitspolitischen Diskussion im internationalen Rahmen kommen fast alle von (militärischen) Praktikern, deren akademischer Hintergrund nur eine Ergänzung ihrer praktischen Erfahrung ist (siehe u.a. CNAS). Solche Profile findet man z.B. bei WIIS nicht. Leider ist der Großteil der sicherheitspolitischen Diskussion in Deutschland diesbezüglich eher „weiblicher“ Art. Nur ein Bruchteil der akademisch tätigen Personen in diesem Bereich hat sich praktisch mit den Inhalten ihrer Arbeit auseinandersetzt.

  2. Es ist natürlich richtig, dass ein Großteil der Frauen (auch in diesem Bereich) ungedient ist. Gleichzeitig halte ich es für falsch, sie deshalb a priori von sicherheitspolitischen Debatten auszuschließen. Denn es sind meiner Meinung nach gerade solche Standpunkte, die etliche Frauen davon abhalten sich für die Bundeswehr – Dienst an der Waffe oder Arbeit in zivil – oder andere sicherheitspolitische Akteure als Arbeitgeber zu entscheiden. Dazu kommen natürlich die Aussagen von jetzigen Reservisten, sie seien froh, dass sie nie unter einer Frau dienen mussten. Dass in den letzten zehn Jahren innerhalb der Bundeswehr etliche Veränderungen nötig geworden sind, ist klar. Aber ich frage mich, ob das nicht auch völlig natürlich zum Transformationsprozess der Bundeswehr gehört. In anderen Nationen ist es längst normal, dass auch Frauen kämpfen. Sich gegen Frauen in der aktiven oder passiven Sicherheitspolitik zu stellen bedeutet für mich einfach nur eine etwas elitäre Abspaltung von Männern – auch in Form der Clausewitz Gesellschaft e.V. (http://www.clausewitz-gesellschaft.de/). Und vielleicht ist das inzwischen überholt. Denn wie erwähnt gibt es durchaus Vorteile von Frauen in der Bundeswehr – besonders im Umgang mit muslimischen Frauen oder mit Kindern in Afghanistan. Viel Arbeit wäre ohne Frauen gar nicht möglich. Und sie nur aufgrund ihres Geschlechts auf den Sanitätsdienst zu beschränken finde ich nicht mehr zeitgemäß.

    Natürlich ist WIIS Deutschland nicht von Soldatinnen überlaufen. Dennoch sollte man nicht unter den Tisch fallen lassen, dass es dort durchaus einige Frauen gibt, die langjährige Erfahrungen in Konflikt- oder Postkonfliktregionen wie Afghanistan oder Ruanda gesammelt haben. Dass die wenigsten von ihnen dort gekämpft haben, ist klar. Aber gewisse Einblicke kann man ihnen doch deshalb nicht absprechen – denn WIIS-Frauen kennen sich ohne Zweifel wesentlich besser mit verteidigungspolitischen Themen aus als der Durchschnittsbürger. In Zeiten wo das Fehlen einer wirklichen Debatte um Verteidigungspolitik in der Gesellschaft beklagt wird, sollte man diese nicht abtun oder belächeln wenn sich auch Frauen daran beteiligen.

    Selbstverständlich ist es sinnvoll, wenn man in einem Bereich wo es um Leben und Tod geht, praktische Erfahrungen hat. Gerade aus diesem Grund gibt bzw. gab es im Verteidigungsausschuss ja Abgeordnete, die Reservisten geworden sind, um auch praktische Einblicke zu gewinnen und so wichtige Entscheidungen nicht ins Blaue hinein zu treffen. Um eventuell dem Vorwurf des „Neckermannoffiziers“ entgegen zu wirken – auch Abgeordnete machen Wehrübungen. Wenig bekannt ist vielleicht, dass beispielsweise die ehemalige Abgeordnete Petra Heß (SPD) Reservistin der Marine mit dem Dienstgrad Korvettenkapitän ist – und als bisher einziger MdB in einer UN-Mission gedient hat (Einsatzgruppenversorger Frankfurt vor dem Libanon). Da kann man nicht von einer „Schreibtischtäterin“ sprechen.

  3. @CvS
    Die Rekrutierung ziviler Experten als Reserveoffiziere halte ich allgemein für eine Chance für alle Beteiligten. Die Bundeswehr gewinnt Fähigkeiten, die sie nicht selbst ausbilden kann, und die zivilen Experten gewinnen wertvolle Erfahrungen, die der sicherheitspolitischen Diskussion m.E. nützen. Zwar sehe ich noch Defizite in der Vorbereitung auf den Einsatz und der langfristigen Bindung der Experten. Ich kann nur dazu aufrufen, sich zu bewerben:

    http://www.reservisten.bundeswehr.de/portal/a/resarb/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLN3KONzYK9ABJgjkhAab6kQjhoJRUfW99X4_83FT9AP2C3IhyR0dFRQDYvzLT/delta/base64xml/L2dJQSEvUUt3QS80SVVFLzZfMkNfMzJUTg!!?yw_contentURL=%2F01DB040100000001%2FW269GAZM410INFODE%2Fcontent.jsp

  4. P.S. Die Clausewitz-Gesellschaft rekrutiert ihren Nachwuchs längst nicht mehr nur aus den Generalstabslehrgängen.

  5. In diesem Zusammenhang verweise ich gerne auf folgenden interessanten Artikel auf Soldatenglück:
    Österreichs Frauen kommen langsam aber gewaltig zum Bundesheer (http://soldatenglueck.de/2010/04/29/27174/oesterreichs-frauen-kommen-langsam-aber-gewaltig-zum-bundesheer-videos/)

  6. Gleiches Thema, andere Dimension. Constanze Stelzenmüller hat sich 2005 mit Frauen in der Sicherheitspolitik beschäftigt und auch die „Praktikerinnen“ nicht unerwähnt gelassen. Ich bekomme zwar immer noch Kopfschmerzen wenn ich „Offizierinnen“ lese, das hat aber keine ideologischen Gründe (manche Bezeichnungen lassen sich einfach nicht gendern😉, der Artikel ist aber Klasse.

  7. Pingback: „…before you get to be defense minister“ – Frauen als Entscheider in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik « Deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s