Monatsarchiv: April 2010

Mullah Daud in Kunduz getötet

Laut Mohammad Omar, dem Gouverneur der Provinz Kunduz, haben afghanische Sicherheitskräfte gemeinsam mit amerikanischen Spezialeinheiten Mullah Daud im Norden Afghanistans getötet.

Der Taliban-Kommandeur soll an die hundert Kämpfer in Imam Saheb, etwa eine Stunde vom Bundeswehrstandort in Kunduz entfernt, befehligt haben. Es wird vermutet, dass er darüber hinaus enge Kontakte zu al Qaida in Pakistan hatte und eine wichtige Rolle bei der Einschleusung ausländischer Terroristen nach Afghanistan spielte.

Laut Omar soll Mullah Daud vor einigen Wochen von der Taliban-Führung zum district chief des umkämpften Distriktes Chahar Darreh ernannt worden sein, der in den vergangenen Monaten auch für Bundeswehrsoldaten immer gefährlicher geworden ist.

Es wird weiterhin angenommen, dass der Kommandeur der Aufständischen für das so genannte Baghlan Massaker Ende 2007 verantwortlich war. Damals wurden etwa 68 Menschen, mehrheitlich Zivilisten, in einer Zuckerfabrik in Baghlan durch ein Selbstmordattentat und eine darauf folgende Schiesserei mit Maschinengewehren getötet. Daud soll auch für das tödliche Selbstmordattentat im Oktober 2008 auf das Hauptquartier der Polizei der Provinz Baghlan verantwortlich sein. Dabei kamen zwei US-Soldaten ums Leben, drei weitere wurden verletzt.

Der Taliban-Kommandeur wurde bereits im Dezember 2008 von der ANA und ISAF-Truppen ergriffen worden sowie im August 2009 von US Spezialeinheiten festgenommen worden.

Mehr dazu:
Xinhua Taliban key commander killed in N. Afghanistan 29. April 2010

Naval Postgraduate School, Programme for Culture and Conflict Studies Baghlan Exec Summary 03. Februar 2009

Spiegel Afghanistan: US-Spezialeinheiten nehmen Taliban-Führer fest 02. August 2009

Aktion Gelbes Band – Solidarität mit den Soldaten

Im Dezember schrieb ich bereits über das meiner Meinung nach fehlende Interesse an den Soldaten und den fehlenden Rückhalt für die Bundeswehr in der Gesellschaft.

Inzwischen gibt es in Deutschland vermehrt Bestrebungen (insbesondere von Angehörigen der Soldaten im Auslandseinsatz), Solidarität mit den Soldaten zu zeigen. Aus gegebenem Anlass weise ich hier gerne auf die Aktion Gelbes Band hin.

Bei unseren Bündnispartnern längst üblich, kommt diese Tradition nun auch nach Deutschland. Inzwischen tragen auch einige Politiker (Franz Müntefering, Philipp Rösler und Thomas Kossendey) die gelbe Schleife, vielleicht wird es tatsächlich gelingen, auch in Deutschland Solidarität mit den Soldaten zu zeigen.

Die Schleifen und Bänder können beim Nato Shop Nord bestellt werden.

Weitere Informationen zur Aktion Gelbes Band gibt es unter anderem hier:

Die Welt Gelbes Band der Solidarität 18. April 2010
Spiegel Online Solidarität mit der Bundeswehr: Ein gelbes Band als Dank an die Soldaten 14. April 2010
Randnotizen Solidarität mit unseren Soldaten

Dazu passend gibt es auch eine Gruppe auf Facebook.

Kunduz, 4. September 2009 oder Bilder einer Ausstellung


Eines der Bilder der Ausstellung und das Bild auf der Einladung zur Vernissage

Am 23. April wurde im Kunstraum Potsdam die Ausstellung Kunduz, 4. September 2009 von Christoph Reuter und Marcel Mettensiefen eröffnet.

Dabei werden Fotos von Pässen, anderen Dokumenten oder Bildern der bei der Bombardierung der entführten Tanklaster Getöteten neben Fotos eines Angehörigen gezeigt. Zu jedem Getöteten wird kurz erzählt, wann er sich auf den Weg zu den Tanklastern machte bzw. wann bemerkt wurde, dass er nicht zu Hause war und wer ihn fand. Lediglich bei einem Foto stand

„Seine Familie wollte sich zu der Frage, ob der zu den Taliban gehörte, die die Tanklaster ursprünglich entführt hatten, nicht äußern.“

Davon abgesehen wurde die Vermutung, dass es sich bei einem Großteil der Getöteten um Taliban-Sympathisanten oder -Tagelöhner statt unschuldiger Zivilisten handelte, nicht erwähnt. Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit, dass 142 Zivilisten in einem Land mit prekärer Stromversorgung in den frühen Morgenstunden an einer Furt stehen und Diesel von festgefahrenen NATO-Tanklastern abpumpen, wurde nicht gestellt.

Bei der Vernissage sprachen Dr. Hartwig von Schubert, Militärdekan an der Führungsakademie in Hamburg, Winfried Nachtwei, ehemaliges Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages (Bündnis 90/Grüne), der Afghanistan-Korrespondent Christoph Reuter, und Katja Dietrich-Kröck, die Künsterlische Leiterin des Kunstraumes Potsdam.

Dr. Hartwig von Schubert von der Führungsakademie der Bundeswehr begann seine Rede, indem er mit einigen (willentlich?) falschen Annahmen in Bezug auf den Einsatz in Afghanistan aufräumte. Der Bundestag, die Abgeordneten aber auch die Bundeswehr wollen Afghanistan nicht kolonialisieren oder modernisieren. Es sei weder angestrebt noch möglich „eine Art Schleswig-Holstein daraus [zu] machen“. Die internationale Staatengemeinschaft möchte vielmehr Minimalstandards einer rudimentären Staatlichkeit durchsetzen.

Dr. von Schubert begrüßte den Strategiewechsel von ISAF – wenn die neue Strategie sei, mit den Menschen vor Ort zu reden und mehr auf sie einzugehen als bisher, sei diese Strategie überfällig.

In direktem Bezug auf die ausgestellten Fotos sprach er davon, dass es keine guten oder schlechten Toten gebe. Jeder Einzelne der am 4. September 2009 in Kunduz Getöteten kann „in seiner Würde unseren Respekt erwarten“. Er verdeutlichte mit Nachdruck, dass es nicht die Absicht sei, Menschen zu töten. „Kein Mensch, kein Soldat hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden.“ Die Frage, die sich auch im Rahmen der Ausstellung stelle sei

„Wie gehen wir mit der Schuld um?“

Als Seelsorger sprach er davon, dass für ihn die Ausstellung eine Beichte sei. Es ginge darum, Evidenz für das, was im Rahmen der Bombardierung der Tanklaster geschehen ist, zu schaffen. Die Fotos seien ein Bekenntnis „wir waren es“, denn wir als Deutsche stehen in der Verantwortung. Damit bezog er sich nicht ausschließlich auf die Soldaten.

Winfried Nachtwei, der Afghanistan-Experte der Grünen (der im Jahr 2009 nicht erneut für den Bundestag kandidierte, und dessen Verlust im Verteidigungsausschuss ich bedauere) sprach sehr persönlich von seinen Erfahrungen als Mitglied im Verteidigungsausschuss. Er bemerkte, dass die Trauerfeier in Ingolstadt für die gefallenen Bundeswehrsoldaten die erste von acht Zeremonien seien würde, an der er nicht teilnehme. Er als Verteidigungspolitiker habe an den sieben vorhergegangenen Trauerfeiern teilgenommen, um in die Gesichter der gefallenen Soldaten zu sehen.

Sehr kritisch äußerte sich Nachtwei zur Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan. Im Mai 2007 hatte er Afghanistan besucht, am 19. Mai folgte der Anschlag auf dem belebten Markt in Kunduz, bei dem drei Bundeswehrsoldaten und fünf afghanische Zivilisten getötet wurden. 2008 und 2009 verschärfte sich die Sicherheitslage stetig weiter zu einem „offenen Guerillakrieg“.

Nachtwei erzählte, wie die politische Ebene diese Entwicklung sehr lange nicht wahr haben wollte. Er stellte außerdem die Frage

„Was hat die Politik dazu beigetragen, dass es so weit gekommen ist?“

Der Blick müsse wieder auf Wesentliches gelenkt werden. Abschliessend hoffte er, dass die Ausstellung Kunduz, 4. September 2009 ein Wendepunkt zu mehr Ehrlichkeit in der deutschen Afghanistanpolitik sein könne.

Christoph Reuter, der einzige Afghanistan-Korrespondent, der den Großteil des Jahres in Afghanistan lebt, berichtete davon, wie schwierig es gewesen sei, die Angehörigen der Getöteten zu fotografieren. Diese hatten Angst, nach Kunduz zu kommen, da es für sie als Paschtunen Feindesland sei. Mit einem gewissen ironischen Unterton fügte Reuter an

„Dass es ihnen als Paschtunen unter den Taliban besonders gut ging, erwähnten sie jedoch nicht.“

Schliesslich einigte man sich darauf, die Fotos nur in geschlossenen Räumen zu machen. Sie entstanden letztlich in einem kleinen Raum eines größtenteils leer stehenden Hotels in Kunduz.

Der afghanischen Kultur angemessen sieht der Großteil den Fotografen bzw. den Ausstellungsbesucher nicht direkt an, die wenigen, die das tun erinnern fast an Sharbat Gula, das „afghanische Mädchen“, das 1985 auf dem Cover des National Geographic zu sehen war. Skeptisch, fasziniert und anklagend zugleich.

Obwohl keine Wertung der Getöteten vorgenommen werden soll, bleibt die Frage, wie unparteiisch eine Ausstellung sein kann, die von der Freitag unterstützt wird, einem Medium das offen gegen den Krieg ist…

Die sehenswerte Ausstellung geht noch bis zum 13. Juni 2010. Geöffnet sind die Räume von Mittwoch bis Sonntag in der Zeit von 12 bis 18 Uhr.

Kunstraum Potsdam
Schiffbauergasse 4d
Tram 99: Haltestelle Schiffbauergasse/Berliner Str.

Erneut eine tieftraurige Nachricht aus Afghanistan

Mir fehlen die Worte.

Weil sich vermutlich viele Menschen nach dem heutigen Angriff auf unsere Soldaten, nach bisherigem Kenntnisstand mit vier gefallenen und vermutlich fünf zum Teil schwer verwundeten Bundeswehrsoldaten derzeit machtlos fühlen, möchte ich hiermit auf eine Aktion von Boris Barschow, dem Verfasser des Afghanistanblogs, hinweisen:

Am Samstag um 12 Uhr soll es vor dem Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz ein stilles Gedenken für die Bundeswehrsoldaten geben. (Rübenacher Straße 170, Koblenz)
Angedacht ist zeitgleich auch ein Gedenken am Ehrenmal in Berlin. Für weitere Informationen, auch für andere Städte oder Vorschläge bitte hier nachlesen: http://afghanistanblog.wordpress.com/2010/04/15/anteilnahme-zeigen/

Wir werden unsere Soldaten nicht vergessen.

Danke.

In diesen Tagen – und besonders im Zusammenhang mit der heutigen Trauerfeier in Selsingen für die in Kundus gefallenen Soldaten – denke ich immer wieder an Patrick Behlke und Roman Schmidt. Beide habe ich nicht gekannt. Im Oktober 2008 empfing ich ein Fax vom Verteidigungsausschuss im Bundestagsbüro, in dem ich arbeitete. Darin ging es um die Organisation der Trauerfeier der beiden gefallenen Fallschirmjäger. Das war der Moment, in dem ich erst wirklich wahrgenommen habe, dass die Bundeswehr in Afghanistan wirklich im Krieg ist – auch wenn ich es natürlich vorher schon wusste.

An einem solchen Tag wie heute fehlen mir die Worte. Die Rede des Verteidigungsministers war treffend und sehr bewegend.

Angela Merkel sagte in ihrer Rede:

„Unser Einsatz in Afghanistan verlangt von uns Politikern den Tatsachen ins Auge zu sehen und sie klar zu benennen.“

Hoffentlich werden sich die deutschen Politiker daran halten, damit unsere 39 gefallenen Soldaten ihr Leben nicht sinnlos verloren haben. Wir können stolz auf sie sein und werden sie nicht vergessen. Danke für den Mut, die Tapferkeit und den Einsatz!

Wir beten für und denken an die gefallenen und verwundeten Soldaten, ihre Familien und Freunde.

Know your enemy

John Steinbeck hat gesagt:

Es ist besser, sich mit zuverlässigen Feinden zu umgeben, als mit unzuverlässigen Freunden.

In diesem Tagen weiß man gar nicht mehr, wer genau der eigentliche Feind der Bundeswehr ist. Ihre Verteidiger oder gar Freunde kann man leider an wenigen Fingern abzählen. Aber deutsche Soldaten kämpfen gleichzeitig gegen Taliban in Afghanistan und wehren sich gegen Anschuldigungen in Deutschland. Dabei geht es sowohl um eine legitime Debatte darüber, ob und wann ein Truppenabzug sinnvoll wäre als auch um äußerst geschmacklose und verachtenswerte Aktionen wie die vom so genannten Büro für antimilitaristische Maßnahmen (BamM), deren Mitglieder am Ehrenmal feiern wollen, wenn deutsche Soldaten fallen. (Dazu ist es am Karfreitag jedoch scheinbar nicht gekommen.)

Wir sollten nicht vergessen, dass die Provinz Chahar Darreh noch immer eine Talibanhochburg ist. Der feige Anschlag auf Bundeswehrsoldaten am Karfreitag macht uns das erneut auf grausame Art bewusst. In diesem Zusammenhang kommt in Deutschland wieder Unverständnis darüber auf, dass deutsche Soldaten nicht adäquat ausgestattet sind und in diesem Zusammenhang auch nicht ausreichend ausgebildet worden sind. Wenn man die Berichte des Wehrbeauftragten der letzten Jahre liest, kann man nicht ignorieren, dass den Bundeswehrsoldaten in Afghanistan seit Jahren adäquates Material fehlt. Es ist unbegreiflich, wie lange allein die Bereitstellung gepanzerter Fahrzeuge gedauert hat. Mit der längst überfälligen Klarstellung durch den IBuK, dass es sich in Afghanistan um „kriegsähnliche Zustände“ beziehungsweise inzwischen auch „Krieg“ (zumindest umgangssprachlich, wenn auch nicht völkerrechtlich) handelt, sollten diese Zustände ein Ende finden. Wenn die Soldaten durch diese klarere Sprache endlich angemessen ausgerüstet werden, so geht diese Feststellung weit darüber hinaus, dass sich die Bundeswehr endlich auch von ihrem Verteidigungsminister ernst genommen fühlt – was unter Dr. Jung und seinem ewigen „Stabilisierungseinsatz“ undenkbar war.

Die Vorwürfe an die Soldaten im Kontext der gefallenen und verwundeten Soldaten, sie haben ja gewusst, dass ihr Beruf gefährlich sei, gehen weiter. Zwischen den Zeilen kann man da auch immer wieder „selber schuld“ lesen. Es scheint also, als würde die Bundeswehr weiterhin mit ihren „zuverlässigen Feinden“ rechnen können. Bleibt zu hoffen, dass es nun stärker zu einem Umdenken in der Politik (auf die Öffentlichkeit wagt man ja kaum zu hoffen) kommt. Man kann nicht einerseits einen Truppenabzug fordern und planen, aber andererseits keine Voraussetzungen dafür schaffen. Ohne genügend Polizeiausbilder und ohne die nötige Ausrüstung wird es nicht möglich sein, Afghanistan erhobenen Hauptes und ruhigen Gewissens zu verlassen.