Monatsarchiv: Juni 2010

The Runaway General – Warum sich Obama mit dem Rauswurf von General McChrystal keinen Gefallen tut.


(Ein Zitat von einem befreundeten amerikanischen Offizier, der derzeit im Irak stationiert ist.)

Zugegeben – das Interview „The Runaway General“ von General Stanley McChrystal mit dem Rolling Stone war keine seiner Sternstunden. Aber schon allein die Einleitung von Michael Hastings zeugt von sehr eigenwilliger Berichterstattung. Hier zur Illustration ein kurzer Auszug:

He’s in France to sell his new war strategy to our NATO allies – to keep up the fiction, in essence, that we actually have allies. Since McChrystal took over a year ago, the Afghan war has become the exclusive property of the United States. Opposition to the war has already toppled the Dutch government, forced the resignation of Germany’s president and sparked both Canada and the Netherlands to announce the withdrawal of their 4,500 troops.

Die Fakten mögen aus US-Sicht stimmen. Aus Sicht der Europäer wird das eigene Engagement hier ins Lächerliche gezogen und fast schon als unnütz abgetan. Für die Bundeswehr ist eine solche leichtfertige Missbilligung des Einsatzes schmerzhaft. Für Soldaten die nicht nur gegen Terroristen antreten sondern gleichzeitig ihr eigenes Engagement, ihre Einsatzbeschränkungen und ihre Bedürfnisse „an der Heimatfront“ und bei den Alliierten verteidigen müssen ist es besonders traurig, dass all das und auch die Verwundeten und die 43 Gefallenen scheinbar nichts gelten. Das passt natürlich auch zum Bild von McChrystal wie man es aus dem Irak kennt. Ein General der knallhart ist, der für seine „bloody legacy“ bekannt ist – und in diesem Zusammenhang auch lange versucht hat, den Tod eines seiner Soldaten durch „friendly fire“ zu vertuschen.

Gleichzeitig beobachten wir etwas, was ich so aus der gegenwärtigen amerikanischen Sicherheitspolitik nicht kenne – dem Militär wird der Mund verboten. Bei der Bundeswehr ist das teilweise üblich, denken wir etwa an den Skandal, der sich um das „Du sollst nicht stehlen“ T-Shirt zum Tanklaster-Angriff in Kunduz rankte. Natürlich war das T-Shirt nicht politisch korrekt und uns im sicheren Deutschland Sitzenden mag es zynisch und geschmacklos vorkommen. Dennoch ist so etwas beispielsweise bei Briten oder Amerikanern relativ normal. Da gibt es T-Shirts mit der Aufschrift „Pork Eating Crusader“ oder „Quit blowing shit up“, die die Haltung innerhalb der Truppe darstellen, die aber darüber hinaus (und das halte ich für viel wichtiger!) die Moral der Truppe stärken.

Im „Thou shalt not steal“-Skandal hat sich der Verteidigungsminister übrigens hinter bzw. vor die Truppe gestellt.

Machen wir uns nichts vor – in Afghanistan ist Krieg. Und wenn wir junge Männer und Frauen da hin schicken, dann müssen wir auch damit leben, dass sie versuchen zu verarbeiten und zu verdrängen um weitermachen und vor allem weiterleben zu können. Gemessen an dem, was Soldaten in Afghanistan und im Irak teilweise erleben, sind ihre Äußerungen noch sehr beherrscht. Man kann nicht erwarten, dass sie alles was schief läuft für sich behalten. Oder dass sie sich nur durch die Blume äußern.

Es ist natürlich etwas anderes, ob man das Verhalten von Mannschaftsdienstgraden oder Unteroffizieren zügelt, oder ob man einen der ranghöchsten Generäle öffentlich dafür kritisiert, die Wahrheit gesagt zu haben – wenn auch unfassbar undiplomatisch. Dass McChrystal sich so hat gehen lassen, dass er die Kontrolle über und an die Medien verloren hat (normalerweise doch eine der größten Ängste von Soldaten im Einsatz) kann ich nicht nachvollziehen.

Schon kurz nach dem Rolling Stone Interview war eine der zentralen Aussagen des Interviews überholt. Hastings hatte geschrieben

“Paris, as one of his advisers says, is the ‘most anti-McChrystal city you can imagine.’”

Schon kurz darauf wurde Washington zur “most anti-McChrystal city you can imagine.” Zu Recht?

Bereits im vergangenen Herbst gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen der Obama Administration und dem General. Nach einer Rede, die er in London gehalten hatte, wies er die Antiterror-Strategie wie sie von Vizepräsident Joe Biden präferiert wurde mit der Bemerkung zurück, dass diese kurzsichtig sei. Daraufhin wurde er zu Präsident Obama gerufen, der ihm bei einer Konfrontation deutlich zu verstehen gegeben haben soll, dass er sich so nicht zu äußern habe und sich generell etwas bedeckter geben solle. (Im Rolling Stone heißt das dann: “The message to McChrystal seemed clear: Shut the fuck up, and keep a lower profile”.)

McChrystal war bereits in seiner Zeit an der United States Military Academy in West Point als Unruhestifter bekannt. Auch später hat er sich nicht immer so verhalten, wie man es von Generälen gewohnt ist. Es gibt mehrere Beispiele sowohl aus dem Irak als auch aus Afghanistan, in denen er an dutzenden von Angriffen beteiligt war oder unangekündigt Truppen besuchte. Ein Beispiel aus Afghanistan wird im Rolling Stone-Artikel wiedergegeben:

In March, McChrystal […] had received an e-mail from Israel Arroyo, a 25-year-old staff sergeant who asked McChrystal to go on a mission with his unit. „I am writing because it was said you don’t care about the troops and have made it harder to defend ourselves,“ Arroyo wrote. Within hours, McChrystal responded personally: „I’m saddened by the accusation that I don’t care about soldiers, as it is something I suspect any soldier takes both personally and professionally – at least I do. But I know perceptions depend upon your perspective at the time, and I respect that every soldier’s view is his own.“ Then he showed up at Arroyo’s outpost and went on a foot patrol with the troops – not some bullshit photo-op stroll through a market, but a real live operation in a dangerous war zone.

Natürlich gibt es auch etliche negative Episoden. Die bekannteste und wahrscheinlich eine der schlimmsten war, als im April 2004 Corporal Pat Tillman, ein ehemaliger Footballstar der nach dem 11. September 2001 den Rangers beigetreten war, durch „friendly fire“ starb. McChrystal war anfangs mit daran beteiligt, die Illusion aufrecht zu erhalten, dass Tillman durch Beschuss der Taliban getötet worden war. Erst viel später und auf Nachfrage der Familie wurden die eigentlichen Umstände bekannt. Bis heute ist jedoch unklar, was tatsächlich geschah, man munkelt sogar von einer möglichen Exekution Tillmans. In diesem Zusammenhang hatte der General damals den Präsidenten George W. Bush gewarnt: „If the circumstances of Corporal Tillman’s death become public,“ […] it could cause „public embarrassment“ for the president.

Seit seiner Übernahme der Verantwortung für Afghanistan im Juni 2009 war General McChrystal der Wegbereiter der amerikanischen Counterinsurgency-Strategie (COIN). Dennoch konnte er seine Rolle als Terroristen-Jäger nie wirklich komplett ablegen. Im Irak hatte sein Team tausende von Aufständischen getötet oder in Gewahrsam genommen – unter ihnen auch der Anführer al Qaedas im Irak, Abu Musab al-Zarqawi. Trotz COIN musste McChrystal immer wieder getötete Zivilisten eingestehen, was gerade in der Zielgruppe (deren „hearts and minds“ man ja gewinnen will) verständlicherweise zu großem Unmut führt.

Ich empfinde es trotz des Warnschusses vom vergangenen Herbst nicht als alternativlos, ihn nun gehen zu lassen. General McChrystal hat gute Arbeit in Afghanistan geleistet. Er hat die neue, zivilere Strategie maßgeblich voran gebracht und schien sich letztendlich tatsächlich damit zu identifizieren. In Anbetracht seines blutigen Vermächtnisses im Irak, durch das er mir bekannt war, überraschten mich Äußerungen wie

„It is better to protect one Afghan life than to kill a single insurgent.“

Als Ivo Daalder, der US Botschafter zur NATO, ihn auf der Afghanistan-Konferenz der SPD so zitierte, dachte ich zuerst, ich müsste mich verhört haben. Doch es schien ihm ernst zu sein mit der Vermeidung von „Kollateralschäden“.

Die gute Nachricht ist, dass der ihm nun nachfolgende General David Petraeus bereits etliche Bücher über COIN verfasst hat (etwa das U.S. Army Counterinsurgency Handbook) und natürlich extensive Erfahrungen in Haiti, Bosnien und dem Irak gesammelt hat.

Der Nachteil für Präsident Obama wird sein, dass General McChrystal mit seinen Äußerungen größtenteils Recht hatte und vermutlich auch in Zukunft haben wird. Darauf wird er sich immer wieder berufen können. Der Präsident, der in den USA immer mehr als liberal und ignorant in Militärangelegenheiten empfunden wird, wird durch diese Affäre und seine als übereilt anzusehende Entscheidung Schaden davon tragen.

Präsident Obama wird einen General los, der ihm zu offen war, zu unkontrollierbar und vielleicht auch zu unkonventionell. Amerika verliert einen Anführer mit viel Mut und Einsatz, doch die Soldaten verlieren einen der ihren. Einen, der offen über Probleme und Missstände gesprochen hat, einen der sich nicht zu schade war, die Soldaten bei ihren Missionen zu begleiten – und das nicht nur wenn Journalisten und Fotoapparate zugegen waren.

Quellen und mehr:
Hastings, Michael. (22. Juni 2010). The Runaway General In Rolling Stone.

Augen geradeaus! (28. November 2009). Was denkt die Truppe? Schaut auf die T-Shirts…

Weblog Sicherheitspolitik. (28. November 2009). Neuer Bundeswehr-Skandal: „Du sollst nicht stehlen“.

Happy birthday, US Army.

Heute ist der 235. Geburtstag der US Army („America’s Army, the strength of the nation“).

Geburtstagskuchen

Laut Auskünften eines guten Freundes gibt es zur Feier des Tages für jeden Soldaten ausnahmsweise* eine Flasche Bier (auch in Einsatzgebieten wie im Irak).

In diesem Sinne „Prost“, „auf Euch“ und danke für alles. (Besonders an Ryan und Alex, die gerade im Einsatz sind.)

Bierflasche

Go army!

*Die USA haben eine „no-alcohol-in-a-war-zone policy“. Eine weitere Ausnahme ist der Super Bowl, an dem zwei Flaschen Bier pro Kopf erlaubt sind. Im Zusammenhang mit einer Anfrage der FDP an das Verteidigungsministerium im November 2008 (aus deren Ergebnis meiner Meinung nach völlig falsche Schlüsse gezogen wurden) wurde erneut klar gestellt, dass es für Streitkräfte in NATO-Missionen eine two-can-policy gibt, die jedem Soldaten zwei Bier pro Tag erlaubt. Einige Streitkräfte wie die USA oder Großbritannien verbieten Alkohol in Einsatzgebieten jedoch ganz. In diesem Zusammenhang gab es natürlich auch Animositäten, wie etwa folgendes Zitat in der Washington Post zeigt:

„Germany has been reluctant to send its soldiers to Afghanistan. Not so its beer.“

Das wurde dem deutschen Engagement am Hindu Kusch jedoch schon 2008 nicht wirklich gerecht.

Quellen und mehr:

U.S. Army. The 235th United States Army Birthday.

Der Tagesspiegel. (12. November 2008). Eine Million Liter Bier für deutsche Soldaten in Afghanistan.

Süddeutsche. (12. November 2008). Alkohol in Afghanistan: Schluckspechte bei der Bundeswehr?

Whitlock, Craig. (14. November 2008). German Supply Lines Flow With Beer in Afghanistan. Washington Post.

Nationaal Archief. Kinderen rond kersttulband met kaars. Flickr.

Steve Kocino. Beer Bottle Art. Flickr.

Lest we forget – Gedenken und Trauerkultur made in Germany

Quelle: Soil-net.com

Wie in jedem Jahr wurde diese Woche am letzten Montag im Mai in den USA wieder der Memorial Day begangen, um den Soldaten zu gedenken, die in den Kriegen gefallen sind. Die Commonwealth-Länder erinnern jährlich am Remembrance Day, dem 11. November, an ihre Soldaten. Auch Belgien und Frankreich nehmen den 11. November zum Anlass, den toten Soldaten zu gedenken.

In Deutschland gibt es abseits von Bundeswehrangehörigen, Freunden von Soldaten oder denen, die beruflich mit Sicherheit und Verteidigung zu tun haben, sowie Politikern keine wirkliche Trauerkultur um gefallene Soldaten. Mit dem Ehrenmal am Verteidigungsmuseum in Berlin soll eine solche ein Stück weit geschaffen werden.

Der Volkstrauertag (dieses Jahr am 14. November) existiert zwar, doch scheint er kaum Bedeutung zu haben. Nachdem die Nationalsozialisten diesen als im März begangenen Heldengedenktag instrumentalisierten, wurde der Volkstrauertag in den 1950er Jahren in den November verlegt. Doch bis heute ist aus dem Volkstrauertag im November kein nationaler Feiertag geworden, an dem das ganze Land tatsächlich inne hält.

Wie bei unseren NATO-Partnern gibt es auch an unserem Gedenktag eine zentrale Gedenkstunde. Diese findet im Bundestag mit Teilnehmern aus der Regierung, Abgeordneten und des Diplomatischen Korps statt. Dabei hält der Bundespräsident eine Rede und die Nationalhymne wird gespielt. Auch auf Landes- und Kommunalebene gibt es Gedenkstunden mit Kranzniederlegungen.

Aber ist das ein Tag für das Volk? Ein Tag mit dem Volk?

In Kanada ist es beispielsweise so, dass bereits etliche Wochen vor dem Remembrance Day Poppies, künstliche Mohnblüten aus Pappe oder Filz mit Anstecknadeln (s.o.), von den Veteranenverbänden verkauft werden. Diese werden dann bis zum 11. November als Zeichen der Solidarität mit den Soldaten im Einsatz, den verwundeten und gefallenen Soldaten und deren Familien getragen. Die Mohnblume ist ein Symbol, das an die blutgeröteten Felder in Flandern erinnern soll, die auch im Gedicht In Flanders Fields von John McCrae, immer wieder vorkommen. Bei Erinnerungszeremonien, wie sie am 11. November um 11 Uhr unter anderem in Schulen abgehalten werden, wird dieses Gedicht häufig gelesen.

Quelle: Wikimedia

Reinhard Führer, der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. – dem offiziellen Veranstalter des Volkstrauertages – wird zum Volkstrauertag wie folgt zitiert:

„Der Volkstrauertag ist ein bedeutender Bestandteil unserer Erinnerungskultur. Es ist ein Tag des Innehaltens, des Gedenkens an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft sowie ein Tag der Solidarität mit ihren Familien. Er konfrontiert uns mit der Vergangenheit und dem Auftrag, das Vermächtnis der Opfer zu erfüllen, indem wir uns nachhaltig für ein friedliches Zusammenleben einsetzen.“

Durch die Aktion Gelbes Band wird die Solidarität mit den Soldaten im Einsatz und ihren Familien zu Hause stärker als je zuvor öffentlich gelebt. Vielleicht wird der diesjährige Volkstrauertag auch aktiver begangen als bisher. Unsere Soldaten hätten es allemal verdient.