Erzähl mir vom Krieg.

image

In den letzten 10 Jahren habe ich etliche Kriegsgeschichten gehört. Einige waren unterhaltsam, bei einigen habe ich gelacht und bei einigen konnte ich nur zuhören. Manchmal bin ich einfach sprachlos. Sprachlos ob der Dinge, die Menschen in unserer Mitte erleben mussten, die sie jeden Tag mit sich herumtragen, die sie niemandem erzählen, die nur wenige ahnen.

Ein sehr guter Freund von mir war 2008 im Irak, als sein Panzer angesprengt wurde. “Ich habe hier Dinge gesehen, die kann ich meiner Frau und meiner Mutter nicht erzählen. Ich will sie nicht damit belasten, sie sollen sich keine Sorgen machen.“ schrieb er mir wenige Tage später aus dem Feldlager.

In den letzten Jahren habe ich auch Unterhaltsames gehört. Geschichten vom Hammelessen in Afghanistan etwa – “der hing da am Zelt, da war ein großer Fliegenschwarm drum herum, das Fleisch haben wir dann gegessen.“ Schmunzeln in der Runde… Geschichten von Shoppingerlebnissen auf dem Balkan. Erlebnisse, die im Nachhinein lustig sind.

Aber auch Geschichten, die allzu oft von einem Seufzen und Kopfschütteln (“Mein Gott, was da alles hätte passieren können…“) begleitet werden. Geschichten von verletztem Vertrauen, “Emergency Sex“ im Feldlager, der Sehnsucht nach einer heißen Dusche, den verpassten ersten Schritten der eigenen Kinder zu Hause. Auch Geschichten der Verlässlichkeit, der Kompromissbereitschaft “für den guten Zweck“, damit es weitergeht.

Es gibt auch die ruhigen Erzählungen, die mit dem abwesenden, suchenden Blick, die, bei denen sich mein Gesprächspartner an der Kaffeetasse festhält. Erinnerungen an Gefallene, daran wie und wann Kameraden und Freunde gestorben sind. Erinnerungen an Sinn- und Hilflosigkeit.

Sarkasmus, um die Verletzungen und Enttäuschungen nicht zulassen zu müssen. Zynismus, denn wie kann ein Soldat etwas, das ihm Staat und Armee zugesichert haben, tatsächlich erwarten? Schließlich war er bereit, das eigene Leben zu geben, die Frau zur Witwe und das Kind zum Halbwaisen zu machen – noch vor dessen Einschulung.

Ich habe zugesehen, als ein enger Freund traumatisiert aus seinem ersten Einsatz im Irak zurückgekehrt ist. Alltägliche Emotionen, die Freude über Sonnenschein, ein freier Parkplatz, waren viel zu extrem. Auch dadurch hat er seinen Bruder darin bestärkt, den gleichen Weg einzuschlagen. Nach dem zweiten Einsatz war er “wieder normal“.

Ich habe viel zu detaillierte Berichte über Gefechte mit Gefallenen gehört und dabei viel zu junge Witwen gesehen. Tapfer sei er gewesen, der Vater ihres kleinen Sohnes, der das alles noch gar nicht versteht. Im Krimi heißt das “Hatten Sie noch Pläne mit Ihrem Mann?“

An Tagen wie diesen, wenn Veteranen nicht mehr die von den Schlachtfeldern in Flandern sind, sondern junge Menschen, die noch einen großen Batzen ihres Lebens vor sich haben, bin ich nachdenklich – aber auch dankbar. Dankbar dafür, dass sie manchmal einen kleinen schmerzhaften Einblick in ihre Gedankenwelt geben. Dankbar für jeden Einzelnen, der gesund nach Hause kommt. Und für jeden, dessen Ehe das aushält, dessen Familie nicht in einem Land weit weg zerbricht. Auch weil die Frauen zu Hause manchmal die Zähne fest zusammenpressen.

Denn Armee ist nicht nur der schicke Typ in Uniform, der am Ende des Films das Mädchen kriegt. Soldaten sind auch (nur) Menschen.

Eine Antwort zu “Erzähl mir vom Krieg.

  1. Hello.This article was extremely remarkable, especially since I was looking for thoughts on this matter last Saturday.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s