Lesenswert: Armee auf dem Rückzug von Joachim Käppner (Süddeutsche Zeitung, 29./30.Oktober 2011)

Von einem Historiker erwarten Leser fundierte Informationen und eine Einordnung des Geschehens. Man erwartet ebenfalls, dass ein Historiker belesen sei und bestenfalls auch ein Spezialgebiet habe. Bei Joachim Käppner ist das so. Er ist Historiker und hat in den letzten Jahren Bücher über Generale, den zweiten Weltkrieg und die deutsche Geschichte geschrieben. Als Kolumnist befasst er sich aber auch mit der Zukunft: in seinem Kommentar Armee auf dem Rückzug schreibt Käppner in der Süddeutschen Zeitung über die Zukunft der Bundeswehr nach ihrer Verkleinerung.

Nach seinem Einstieg mit einem Zitat „des Großmeisters“ Carl von Clausewitz erläutert Käppner die Öffentlichkeitswirkung des Militärs im Deutschland des 20. Jahrhunderts und den zunehmenden Rückzug deutscher Soldaten aus der Gesellschaft heute: „Noch niemals ist das Militär so weit aus der Öffentlichkeit verschwunden wie jetzt. Es zieht sich aus der Mitte der Gesellschaft zurück.“
Käppner ordnet die Wehrpflicht und ihr Wesen als „Kind der deutschen Demokratie“ historisch ein:

„Die deutschen Heere, die 1914 und 1939 in den Nachbarländern einfielen, waren Wehrpflichtarmeen. Nur die Reichswehr der Weimarer Republik bestand aus Freiwilligen, sie war der berüchtigte Staat im Staate.“

Er beschreibt weiter – und auch völlig richtig – dass sich die Wehrpflicht in Deutschland in den letzten Jahren schleichend verabschiedet habe, ohne dass es große Proteste gegeben habe. Käppner bemerkt, dass auch die Befürchtungen der Friedens- und Konfliktforscher, dass mit einer Professionalisierung des Militärs „bezahlte Fachmänner fürs Töten“ Einzug halten würden, nicht eingetroffen sind.

„Die Armee mag kleiner werden und aus Profis bestehen, Stützpunkte verschwinden und Kasernen – zum Staat im Staate wird sich die Truppe nicht entwickeln.“

Käppner stuft die verkleinerte Bundeswehr als normal und nützlich ein – gerade asymmetrische Bedrohungen erfordern schnelle, gut ausgerüstete Eingreiftruppen. „…im Grunde erleben wir eine Normalisierung, eine Reduzierung des Militärs auf das Maß, das tatsächlich noch gebraucht wird.“
Er fordert in seinem Kommentar die Gesellschaft dazu auf, der Bundeswehr das Vertrauen und Interesse entgegenzubringen, „das in Großbritannien, Frankreich oder gar den USA ganz selbstverständlich ist.“ Es gebe keinen Anlass dazu, unseren Soldaten zu misstrauen – nicht die Soldaten kapseln sich von der Gesellschaft ab, die Gesellschaft wendet sich von unseren Streitkräften ab:

„Manchen erscheint sie aus historischen Gründen suspekt. Den meisten ist sie egal, als sei sie ein fremdes Phänomen von irgendwo fern hinten, wo ‚die Völker aufeinanderschlagen‘, wie es bei Goethe hieß. Verdient hat die Bundeswehr den Generalverdacht ebenso wenig wie den Gleichmut.“

Käppner sieht die Einsparungen in der Bundeswehr aber auch kritisch – immer mehr zu leisten mit einem immer stärker schrumpfenden Budget ist nicht nur schwierig, es gefährdet auch das Leben unserer Soldaten. Er endet seinen Kommentar mit einer treffenden Verortung unserer Soldaten in der demokratischen Gesellschaft:

„Im Kern, im Herzen ist die Bundeswehr gerade durch die Einsätze in von Kriegen und Gräueltaten geschundenen Regionen der Welt noch mehr an die demokratische Gesellschaft herangewachsen. Die Soldaten gingen dorthin, um Werte zu verfechten, welche ihre Großväter einst unter ihre Schaftstiefel traten. Sie erfüllen die Aufgabe, es besser zu machen als die Alten, bislang auf beachtliche Weise. Und daran wird, optimistisch betrachtet, weder die Wehrreform noch die Zahl von Standorten etwas ändern.“

Ein absolut lesenswerter Kommentar, der die Bundeswehrreform nicht nur vor dem Hintergrund etwaiger Einbußen für Einzelhändler an zukünftigen ehemaligen Kasernenstandorten betrachtet.

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