Einsatzrealität – Anerkennung und Dankbarkeit für unsere Soldaten?

Die Bundeswehr-Soldaten und die Realität des Krieges

I have seen war
I have seen war on land and sea. I have seen blood running from the wounded. I have seen the dead in the mud. I have seen cities destroyed… I have seen children starving. I have seen the agony of the mothers and wives.
I hate war

(Franklin Delano Roosevelt Memorial, Washington DC)

In der vergangenen Woche kamen Interessierte auf Einladung der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz e.V., der Deutschen Atlantischen Gesellschaft e.V. und der YATA in Neuwied bei Koblenz zusammen, um gemeinsam über das Thema
Gefahr – Verwundung – Trauma – Tod – Gedenken
Die Bundeswehr-Soldaten und die Realitäten des Krieges

zu diskutieren.

„…weit reichende Treuepflicht, die auch den Einsatz des eigenen Lebens verlangt, kennzeichne[t] den soldatischen Dienst.“(Weißbuch 2006 zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr, S. 69)

Mit immer mehr Einsätzen und einer rhetorischen wie praktischen Wandlung vom „Schulen bauen und Brunnen bohren“ hin zum Kriegseinsatz in Afghanistan – auch wenn das Ex-Verteidigungsminister Jung noch immer nicht bemerkt hat oder gekonnt verdrängt – muss sich auch das deutsche Volk auf traumatisierte, verwundete und gefallene Soldaten einstellen. Soweit nichts Neues.

Natürlich muss sich auch die Bundeswehr  immer mehr der neuen Situation anpassen, etwa indem Vorgesetzte bei sich und ihnen unterstellten Soldaten Stresssymptome erkennen soll(t)en und daraufhin handeln. Andererseits dürfen wir auch nicht vergessen, dass durchaus nicht jeder Soldat traumatisiert aus dem Einsatz zurückkommt – und das muss dann auch nicht bedeuten, dass er deshalb ein kaltherziger Killer ist. Nicht alle Soldaten haben die gleichen Erfahrungen im Einsatz, nicht alle Einsätze sind gleich und manche gehen mit ihren Erfahrungen anders um als andere.

Dennoch wird Traumatisierung in unserer Gesellschaft noch allzu häufig als Makel oder Schwäche ausgelegt. Das muss sich ändern. Auch wenn die meisten Deutschen inzwischen akzeptieren, dass in Afghanistan „kriegsähnliche Zustände“ herrschen, können wir uns auf dem heimischen Sofa viel zu wenig unter der Einsatzrealität unserer Soldaten vorstellen. Krieg ist ja nicht nur „töten und getötet werden“ – es geht auch um die fehlende Privatsphäre, den 24-Stunden-Dienst und die Trennung von Familie und Freunden. Auch vermeintliche „Begleiterscheinungen“ wie die Hitze, Gerüche, Staub und Lärm zehren an den Nerven des Einzelnen. Und so sehr man sich in der Heimat darauf vorbereiten mag – wenn all das unter extremen Bedingungen mit Angst gepaart wird, ist das schon ziemlich viel Balast, den ein einzelner Mensch tragen soll.

Und dann kehrt dieser Mensch Monate später in Deutschland „in unsere Mitte“ zurück. Mit etwas Glück ist es nur das fehlende Desinteresse eines Volkes, das sich im Zweifel gar keine Gedanken darüber macht, was das Soldatentum bedeutet. Ein Volk, das zwar (statistisch gesehen) unbedingt aus Afghanistan raus will, aber eigentlich gar keine Vorstellung von dem Land am Hindukusch und den Aufgaben der Bundeswehr dort hat. Einzelne, die gefallene Soldaten verspotten und ihren Tod feiern. Menschen, die sich keine Gedanken darüber machen, wie es den Frauen und Männern unserer Soldaten geht oder wie deren Kinder damit umgehen, dass Papa dann einfach mal ein paar Monate nicht zu Hause ist.

Was ist eigentlich ein „Veteran“?

Und wie gehen wir als Gemeinschaft mit unseren Kriegsheimkehrern, unseren Veteranen um? Was ist eigentlich ein „Veteran“? Ist das so ein alter Mann mit Holzbein, der gegen „den Russen“ gekämpft hat? Ist das ein Amerikaner, der in Vietnam gekämpft hat? Oder ist das jemand, der im Kosovo war? Ist es gar nur jemand, der nach 2003 in Afghanistan gedient hat?

Ich erlebe immer wieder, dass ehemalige Bundeswehrsoldaten sich nicht „trauen“, sich als Veteranen zu bezeichnen. Denn sie waren ja „nur“ in Bosnien. „Nur“ im Kosovo. „Nur“ 2002 in Kabul. Doch eigentlich sind unsere Veteranen die Soldaten, die in einem Auslandseinsatz waren – auch wenn einige sich selbst gar nicht so nennen wollen.

Parallel zum Kampf mit der Gesellschaft um Anerkennung für ihre Leistungen oder ein Mindestmaß an Respekt kämpfen deutsche Veteranen in der Heimat allzu häufig um ihre Versorgung. Andreas Timmermann-Levanas vom Bund Deutscher Veteranen (BDV) berichtete während der Konferenz von der Arbeit des Vereins. Er sprach von etwa 300000 deutschen Veteranen.

Andreas Timmermannn-Levanas sagte, dass es in Deutschland gar keinen Umgang mit Veteranen und Kriegsheimkehrern gibt. Das „vorsichtige Desinteresse an allem Militärischen“, wie er es nannte, trägt nicht wirklich dazu bei, dass unsere Soldaten sich willkommen, verstanden oder respektiert fühlen. Das ist sicherlich nicht der Grund, warum sich jemand dafür entscheidet, zur Bundeswehr zu gehen. Aber das ist das Mindeste, was wir unseren Soldaten zurückgeben können. In den letzten Jahren wurden etliche Initiativen ins Leben gerufen, um die teilweise fehlende Versorgung der Veteranen durch die Bundeswehr auszugleichen bzw. zu ergänzen – sehr schwierige, aber unendlich wichtige Arbeit.

Wie kann man jemandem danken, der sein Leben für uns einsetzt?

Immer wieder stand die Frage nach der Dankbarkeit oder Anerkennung, die ein Volk seinen Soldaten zeigen (können) sollte im Mittelpunkt der Diskussion. Doch kann so etwas auch in Deutschland unabhängig von einer subjektiven Bewertung der aktuellen Einsätze funktionieren? Und wie dankt man einem Menschen, der im schlimmsten Fall sein Leben für uns einsetzt?

In der Berliner Hildebrandstraße steht seit 2009 das Ehrenmal der Bundeswehr als zentraler Erinnerungspunkt an die Angehörigen der Bundeswehr, die seit 1955 im Dienst ums Leben gekommen sind. Durch seinen Standort direkt am Bundesministerium der Verteidigung erinnert es nicht nur den IBuK ständig an die Verantwortung, die er für unsere Frauen und Männer in der Bundeswehr trägt, es nimmt auch eine zentrale Stellung etwa beim Großen Zapfenstreich ein.

Eine Wand des Ehrenmales wurde mit Blattgold gestaltet, da Gold in unserer Kultur als wertvoll, kostbar, besonders gilt. Sicherlich ist das eine Lösung, um annähernd an das höchste Gut, das Leben, zu erinnern. Ein wirklicher Dank für unsere Soldaten ist gar nicht möglich. Niemand kann ihnen ihr Leben, ihre körperliche Unversehrtheit und die vielen verpassten Momente zu Hause zurückgeben. Noch viel wichtiger als Gefechtsmedaillen und Denkmäler ist deshalb eine gute Versorgung durch die Bundeswehr und ein angemessen respektvolles Verhältnis der Gesellschaft zu unseren Soldaten. Auch das ist nicht neu. Aber daran sollten wir weiterhin arbeiten.

5 Antworten zu “Einsatzrealität – Anerkennung und Dankbarkeit für unsere Soldaten?

  1. Eine Bestandsaufnahme – am Anfang von dem, was noch niemand in seinen Ausmaßen erfassen kann. Die Augenwischerei, die das Verteidigungsministerium betreibt, ist kontraproduktiv. Man redet von 7000 Soldaten, die sich aktuell in den Einsatzkontingenten befinden, erwähnt aber nicht, dass es jährlich 2 bis 3 dieser Einsatzkontingenten gibt. Greife ich die Forderung des Bundeswehrverbandes auf, die laut Major Wüstner immer noch bei 20 Monaten Einsatzpause zwischen den Auslandseinsätzen liegt, dann benötigt Deutschland für einen runden Turnus das drei bis fünffache an Soldaten. In Zahlen 21.000 bis 35.000 Soldaten, damit jedem einzelnen eine Verweildauer von etwas mehr als anderthalb Jahren in Deutschland gewährt werden. Also 18 Monate in denen der Soldat seiner Famiiie nicht erzählen muss, dass es in wenigen Monaten in den Einsatz geht, Vorgesetzte danach fragen, wann er oder sie wieder gehen können und in denen der Soldat keine Laufbahnnachteile befürchten muss. Doch die Realität sieht anders aus. Seit 1992 ist die Bundeswehr in den Einsätzen, stützt sich wesentlich auf Kurzzeitdiener ( 24 Monate bis 12 Jahre) und schafft Probleme (PTBS, zerrüttete Familien) die dann als Einzelschicksale an die Gesellschaft kommuniziert werden. „Zeitsoldaten und ihre Einsätze sind wichtig, um die Berufssoldaten zu entlasten!“ So hörte ich es 2008 von einem Generalstäbler, der mir meine Einsatzbeurteilung eröffnete. Solange Karrieren im Standort gemacht werden, in Führungsverantwortung überwiegend Leute ohne oder mit wenig Einsatzerfahrung sitzen, solange in der Bundeswehr Leute das sagen haben, die dem Beamtenstatus näher sind, als dem Soldatentum, solange wird sich nichts ändern. Die Lösung kann nur in einer Realitätsnahen Darstellung des Soldatenberufs liegen, auf die bisher verzichtet wird.

    Eine Pressebild der Bundeswehr, das als Themen nur Tote, kaum Verwundete, Standortdebatten und „bedauerliche Einzelfälle von PTBS oder „bedauerliche Einzelfälle von „Unzulänglichkeiten in der Verwaltung“ kennt ( von Skandalen über „sauf-freudige Jugendliche im Wehrpflichtstatus“ mal ganz zu schweigen) kann nur als Realitätsfern bezeichnet werden.

    Ob ich nach diesem Kommentar je ein Engagement als Reservist in der Bundeswehr im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erhalten werde stelle ich mal in Frage. Transparenz in der Darstellung des Soldatenberufs ist schlichtweg nicht gewünscht. Und so läuft leider auch das Engagement von Ex-Soldaten, wie Andreas Timmermann Levanas mit Masse wohl ins Leere, weil es einem Minister, wie unlängst bei Youtube erlaubt ist, viele berechtigte Fragen mit „Nein, dass ist gar nicht mehr so!“ zu kontern, anstatt mit „Ja, hier gab es all zu lange Versäumnisse und es muss auch in Zukunft noch viel getan werden.“

    Gruß an die Mitleser🙂

  2. Sascha Stoltenow

    Von denen, die über einen entsprechen Reservedienstposten entscheiden, liest das eh niemand, Daniel😉.

  3. Der Fisch fängt nun mal am Kopf an zu stinken. Solange unsere verantwortlichen Politiker sich auf der Seite der „Schönredner“ befinden und nicht endlich der Realität ins Auge sehen und entsprechend handeln wird keine Veränderung in der Gesellschaft erfolgen. Ein verantwortlicher Soldat geht nicht in den Einsatz mit Hurra und Jubel. Ein Soldat geht in den Einsatz, weil er einer parlamentarischen Armee angehört, weil er gebraucht wird, weil er Sinn darin sieht, das zu tun, was er tut………….und er wird in den Einsatz geschickt, weil die Parlamentarier es so gemeinsam beschlossen haben. Verdammt nochmal: POLITIKER, zeigt Verantwortung und erfüllt eure Fürsorgepflicht, wie es das Gesetz verlangt !!!!

  4. Robert Sedlatzek-Müller

    Wo bleibt die Verantwortung des Bundesministerium der Verteidigung nach § 31 Fürsorge ?

    Sagt dieses nicht :

    Der Bund hat im Rahmen des Dienst- und Treueverhältnisses für das Wohl des Berufssoldaten und des Soldaten auf Zeit sowie ihrer Familien, auch für die Zeit nach Beendigung des Dienstverhältnisses, zu sorgen. Er hat auch für das Wohl des Soldaten zu sorgen, der nach Maßgabe des Vierten oder Fünften Abschnittes oder des Wehrpflichtgesetzes Wehrdienst leistet; die Fürsorge für die Familie des Soldaten während des Wehrdienstes und seine Eingliederung in das Berufsleben nach dem Ausscheiden aus dem Wehrdienst werden gesetzlich geregelt.

  5. „Wie kann man jemandem danken, der sein Leben für uns einsetzt?“

    Da sollte man erst einmal das „für uns“ näher beleuchten, denn daß die Soldaten ihr Leben einsetzen, steht außer Frage. Für „Das Deutsche Volk“ tun sie es aber gewiß nicht. Das „Deutsche Volk“ hat kein Interesse an den Kriegsschauplätzen, an die die Regierung die Soldaten bisher schickte.

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