The Runaway General – Warum sich Obama mit dem Rauswurf von General McChrystal keinen Gefallen tut.


(Ein Zitat von einem befreundeten amerikanischen Offizier, der derzeit im Irak stationiert ist.)

Zugegeben – das Interview „The Runaway General“ von General Stanley McChrystal mit dem Rolling Stone war keine seiner Sternstunden. Aber schon allein die Einleitung von Michael Hastings zeugt von sehr eigenwilliger Berichterstattung. Hier zur Illustration ein kurzer Auszug:

He’s in France to sell his new war strategy to our NATO allies – to keep up the fiction, in essence, that we actually have allies. Since McChrystal took over a year ago, the Afghan war has become the exclusive property of the United States. Opposition to the war has already toppled the Dutch government, forced the resignation of Germany’s president and sparked both Canada and the Netherlands to announce the withdrawal of their 4,500 troops.

Die Fakten mögen aus US-Sicht stimmen. Aus Sicht der Europäer wird das eigene Engagement hier ins Lächerliche gezogen und fast schon als unnütz abgetan. Für die Bundeswehr ist eine solche leichtfertige Missbilligung des Einsatzes schmerzhaft. Für Soldaten die nicht nur gegen Terroristen antreten sondern gleichzeitig ihr eigenes Engagement, ihre Einsatzbeschränkungen und ihre Bedürfnisse „an der Heimatfront“ und bei den Alliierten verteidigen müssen ist es besonders traurig, dass all das und auch die Verwundeten und die 43 Gefallenen scheinbar nichts gelten. Das passt natürlich auch zum Bild von McChrystal wie man es aus dem Irak kennt. Ein General der knallhart ist, der für seine „bloody legacy“ bekannt ist – und in diesem Zusammenhang auch lange versucht hat, den Tod eines seiner Soldaten durch „friendly fire“ zu vertuschen.

Gleichzeitig beobachten wir etwas, was ich so aus der gegenwärtigen amerikanischen Sicherheitspolitik nicht kenne – dem Militär wird der Mund verboten. Bei der Bundeswehr ist das teilweise üblich, denken wir etwa an den Skandal, der sich um das „Du sollst nicht stehlen“ T-Shirt zum Tanklaster-Angriff in Kunduz rankte. Natürlich war das T-Shirt nicht politisch korrekt und uns im sicheren Deutschland Sitzenden mag es zynisch und geschmacklos vorkommen. Dennoch ist so etwas beispielsweise bei Briten oder Amerikanern relativ normal. Da gibt es T-Shirts mit der Aufschrift „Pork Eating Crusader“ oder „Quit blowing shit up“, die die Haltung innerhalb der Truppe darstellen, die aber darüber hinaus (und das halte ich für viel wichtiger!) die Moral der Truppe stärken.

Im „Thou shalt not steal“-Skandal hat sich der Verteidigungsminister übrigens hinter bzw. vor die Truppe gestellt.

Machen wir uns nichts vor – in Afghanistan ist Krieg. Und wenn wir junge Männer und Frauen da hin schicken, dann müssen wir auch damit leben, dass sie versuchen zu verarbeiten und zu verdrängen um weitermachen und vor allem weiterleben zu können. Gemessen an dem, was Soldaten in Afghanistan und im Irak teilweise erleben, sind ihre Äußerungen noch sehr beherrscht. Man kann nicht erwarten, dass sie alles was schief läuft für sich behalten. Oder dass sie sich nur durch die Blume äußern.

Es ist natürlich etwas anderes, ob man das Verhalten von Mannschaftsdienstgraden oder Unteroffizieren zügelt, oder ob man einen der ranghöchsten Generäle öffentlich dafür kritisiert, die Wahrheit gesagt zu haben – wenn auch unfassbar undiplomatisch. Dass McChrystal sich so hat gehen lassen, dass er die Kontrolle über und an die Medien verloren hat (normalerweise doch eine der größten Ängste von Soldaten im Einsatz) kann ich nicht nachvollziehen.

Schon kurz nach dem Rolling Stone Interview war eine der zentralen Aussagen des Interviews überholt. Hastings hatte geschrieben

“Paris, as one of his advisers says, is the ‘most anti-McChrystal city you can imagine.’”

Schon kurz darauf wurde Washington zur “most anti-McChrystal city you can imagine.” Zu Recht?

Bereits im vergangenen Herbst gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen der Obama Administration und dem General. Nach einer Rede, die er in London gehalten hatte, wies er die Antiterror-Strategie wie sie von Vizepräsident Joe Biden präferiert wurde mit der Bemerkung zurück, dass diese kurzsichtig sei. Daraufhin wurde er zu Präsident Obama gerufen, der ihm bei einer Konfrontation deutlich zu verstehen gegeben haben soll, dass er sich so nicht zu äußern habe und sich generell etwas bedeckter geben solle. (Im Rolling Stone heißt das dann: “The message to McChrystal seemed clear: Shut the fuck up, and keep a lower profile”.)

McChrystal war bereits in seiner Zeit an der United States Military Academy in West Point als Unruhestifter bekannt. Auch später hat er sich nicht immer so verhalten, wie man es von Generälen gewohnt ist. Es gibt mehrere Beispiele sowohl aus dem Irak als auch aus Afghanistan, in denen er an dutzenden von Angriffen beteiligt war oder unangekündigt Truppen besuchte. Ein Beispiel aus Afghanistan wird im Rolling Stone-Artikel wiedergegeben:

In March, McChrystal […] had received an e-mail from Israel Arroyo, a 25-year-old staff sergeant who asked McChrystal to go on a mission with his unit. „I am writing because it was said you don’t care about the troops and have made it harder to defend ourselves,“ Arroyo wrote. Within hours, McChrystal responded personally: „I’m saddened by the accusation that I don’t care about soldiers, as it is something I suspect any soldier takes both personally and professionally – at least I do. But I know perceptions depend upon your perspective at the time, and I respect that every soldier’s view is his own.“ Then he showed up at Arroyo’s outpost and went on a foot patrol with the troops – not some bullshit photo-op stroll through a market, but a real live operation in a dangerous war zone.

Natürlich gibt es auch etliche negative Episoden. Die bekannteste und wahrscheinlich eine der schlimmsten war, als im April 2004 Corporal Pat Tillman, ein ehemaliger Footballstar der nach dem 11. September 2001 den Rangers beigetreten war, durch „friendly fire“ starb. McChrystal war anfangs mit daran beteiligt, die Illusion aufrecht zu erhalten, dass Tillman durch Beschuss der Taliban getötet worden war. Erst viel später und auf Nachfrage der Familie wurden die eigentlichen Umstände bekannt. Bis heute ist jedoch unklar, was tatsächlich geschah, man munkelt sogar von einer möglichen Exekution Tillmans. In diesem Zusammenhang hatte der General damals den Präsidenten George W. Bush gewarnt: „If the circumstances of Corporal Tillman’s death become public,“ […] it could cause „public embarrassment“ for the president.

Seit seiner Übernahme der Verantwortung für Afghanistan im Juni 2009 war General McChrystal der Wegbereiter der amerikanischen Counterinsurgency-Strategie (COIN). Dennoch konnte er seine Rolle als Terroristen-Jäger nie wirklich komplett ablegen. Im Irak hatte sein Team tausende von Aufständischen getötet oder in Gewahrsam genommen – unter ihnen auch der Anführer al Qaedas im Irak, Abu Musab al-Zarqawi. Trotz COIN musste McChrystal immer wieder getötete Zivilisten eingestehen, was gerade in der Zielgruppe (deren „hearts and minds“ man ja gewinnen will) verständlicherweise zu großem Unmut führt.

Ich empfinde es trotz des Warnschusses vom vergangenen Herbst nicht als alternativlos, ihn nun gehen zu lassen. General McChrystal hat gute Arbeit in Afghanistan geleistet. Er hat die neue, zivilere Strategie maßgeblich voran gebracht und schien sich letztendlich tatsächlich damit zu identifizieren. In Anbetracht seines blutigen Vermächtnisses im Irak, durch das er mir bekannt war, überraschten mich Äußerungen wie

„It is better to protect one Afghan life than to kill a single insurgent.“

Als Ivo Daalder, der US Botschafter zur NATO, ihn auf der Afghanistan-Konferenz der SPD so zitierte, dachte ich zuerst, ich müsste mich verhört haben. Doch es schien ihm ernst zu sein mit der Vermeidung von „Kollateralschäden“.

Die gute Nachricht ist, dass der ihm nun nachfolgende General David Petraeus bereits etliche Bücher über COIN verfasst hat (etwa das U.S. Army Counterinsurgency Handbook) und natürlich extensive Erfahrungen in Haiti, Bosnien und dem Irak gesammelt hat.

Der Nachteil für Präsident Obama wird sein, dass General McChrystal mit seinen Äußerungen größtenteils Recht hatte und vermutlich auch in Zukunft haben wird. Darauf wird er sich immer wieder berufen können. Der Präsident, der in den USA immer mehr als liberal und ignorant in Militärangelegenheiten empfunden wird, wird durch diese Affäre und seine als übereilt anzusehende Entscheidung Schaden davon tragen.

Präsident Obama wird einen General los, der ihm zu offen war, zu unkontrollierbar und vielleicht auch zu unkonventionell. Amerika verliert einen Anführer mit viel Mut und Einsatz, doch die Soldaten verlieren einen der ihren. Einen, der offen über Probleme und Missstände gesprochen hat, einen der sich nicht zu schade war, die Soldaten bei ihren Missionen zu begleiten – und das nicht nur wenn Journalisten und Fotoapparate zugegen waren.

Quellen und mehr:
Hastings, Michael. (22. Juni 2010). The Runaway General In Rolling Stone.

Augen geradeaus! (28. November 2009). Was denkt die Truppe? Schaut auf die T-Shirts…

Weblog Sicherheitspolitik. (28. November 2009). Neuer Bundeswehr-Skandal: „Du sollst nicht stehlen“.

3 Antworten zu “The Runaway General – Warum sich Obama mit dem Rauswurf von General McChrystal keinen Gefallen tut.

  1. Ihren „Schmerz“ über den Verlust von McChrystal teile ich nicht, weil der für die neue Aufgabe „degradierte“ Nachfolger, Petraeus, der einzige ist, der es noch richten kann. Ich empfehle in der Österreichischen Militärzeitschrift (ÖMZ), Heft 5/2009, zwei Artikel von Philipp Rotmann und F.W.Korkisch. In den Artikeln wird das bemerkenswerte Entstehen der neuen, im Irak bereits angewendeten US-Aufstandsbekämpfungsdoktrin dargestellt. Hervorzuheben die Beteiligung der Führer unterer taktischer Ebenen und die Härte der Diskussionsführung. Man stelle sich vor, in Deutschland würden die Hauptleute und Zugführer des Heeres gegen den politischen Schwachsinn aufbegehren, der ihnen von unseren politischen Eliten zugemutet wird. Petraeus ist der Richtige, weil er mit großer politisch-strategischer Zielsicherheit einen Kardinalfehler McChrystals korrigiert hat: Im Krieg nicht die Zerschlagung des Gegners aus dem Auge zu verlieren.

    • Als „Schmerz“ würde ich es nicht bezeichnen. Mir wurde in der Berichterstattung einfach zu wenig auf seine Errungenschaften und ihn als Person eingegangen – und das finde ich bei einer Führungspersönlichkeit wichtig.

      GEN Petraeus ist durchaus ein fähiger Mann, der durch seine COIN-Erfahrungen in Theorie und Praxis mit Sicherheit gute Arbeit im Irak leisten wird – das stelle ich überhaupt nicht in Frage und dabei wünsche ich ihm von Herzen viel Erfolg.

      Vermutlich wäre die Situation in Deutschland nicht wesentlich anders verlaufen – das habe ich ja schon versucht, mit dem „Thou shalt not steal“ Skandal anzudeuten. Dennoch – wenn man einen Rangähnlicheren Vergleich ziehen wollte – hat sich der IBuK hinter Oberst Klein gestellt, während ich kaum Stimmen vom DOD gehört habe…

      • Politikverdruss

        Lassen Sie sich nicht von dem schönen Schein des IBuK blenden. Die aufgesetzte Großzügigkeit, mit der er Oberst Klein nicht „fallen lassen“ wollte, war doch wohl eher berechnend und verletzend allemal.

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