Kunduz, 4. September 2009 oder Bilder einer Ausstellung


Eines der Bilder der Ausstellung und das Bild auf der Einladung zur Vernissage

Am 23. April wurde im Kunstraum Potsdam die Ausstellung Kunduz, 4. September 2009 von Christoph Reuter und Marcel Mettensiefen eröffnet.

Dabei werden Fotos von Pässen, anderen Dokumenten oder Bildern der bei der Bombardierung der entführten Tanklaster Getöteten neben Fotos eines Angehörigen gezeigt. Zu jedem Getöteten wird kurz erzählt, wann er sich auf den Weg zu den Tanklastern machte bzw. wann bemerkt wurde, dass er nicht zu Hause war und wer ihn fand. Lediglich bei einem Foto stand

„Seine Familie wollte sich zu der Frage, ob der zu den Taliban gehörte, die die Tanklaster ursprünglich entführt hatten, nicht äußern.“

Davon abgesehen wurde die Vermutung, dass es sich bei einem Großteil der Getöteten um Taliban-Sympathisanten oder -Tagelöhner statt unschuldiger Zivilisten handelte, nicht erwähnt. Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit, dass 142 Zivilisten in einem Land mit prekärer Stromversorgung in den frühen Morgenstunden an einer Furt stehen und Diesel von festgefahrenen NATO-Tanklastern abpumpen, wurde nicht gestellt.

Bei der Vernissage sprachen Dr. Hartwig von Schubert, Militärdekan an der Führungsakademie in Hamburg, Winfried Nachtwei, ehemaliges Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages (Bündnis 90/Grüne), der Afghanistan-Korrespondent Christoph Reuter, und Katja Dietrich-Kröck, die Künsterlische Leiterin des Kunstraumes Potsdam.

Dr. Hartwig von Schubert von der Führungsakademie der Bundeswehr begann seine Rede, indem er mit einigen (willentlich?) falschen Annahmen in Bezug auf den Einsatz in Afghanistan aufräumte. Der Bundestag, die Abgeordneten aber auch die Bundeswehr wollen Afghanistan nicht kolonialisieren oder modernisieren. Es sei weder angestrebt noch möglich „eine Art Schleswig-Holstein daraus [zu] machen“. Die internationale Staatengemeinschaft möchte vielmehr Minimalstandards einer rudimentären Staatlichkeit durchsetzen.

Dr. von Schubert begrüßte den Strategiewechsel von ISAF – wenn die neue Strategie sei, mit den Menschen vor Ort zu reden und mehr auf sie einzugehen als bisher, sei diese Strategie überfällig.

In direktem Bezug auf die ausgestellten Fotos sprach er davon, dass es keine guten oder schlechten Toten gebe. Jeder Einzelne der am 4. September 2009 in Kunduz Getöteten kann „in seiner Würde unseren Respekt erwarten“. Er verdeutlichte mit Nachdruck, dass es nicht die Absicht sei, Menschen zu töten. „Kein Mensch, kein Soldat hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden.“ Die Frage, die sich auch im Rahmen der Ausstellung stelle sei

„Wie gehen wir mit der Schuld um?“

Als Seelsorger sprach er davon, dass für ihn die Ausstellung eine Beichte sei. Es ginge darum, Evidenz für das, was im Rahmen der Bombardierung der Tanklaster geschehen ist, zu schaffen. Die Fotos seien ein Bekenntnis „wir waren es“, denn wir als Deutsche stehen in der Verantwortung. Damit bezog er sich nicht ausschließlich auf die Soldaten.

Winfried Nachtwei, der Afghanistan-Experte der Grünen (der im Jahr 2009 nicht erneut für den Bundestag kandidierte, und dessen Verlust im Verteidigungsausschuss ich bedauere) sprach sehr persönlich von seinen Erfahrungen als Mitglied im Verteidigungsausschuss. Er bemerkte, dass die Trauerfeier in Ingolstadt für die gefallenen Bundeswehrsoldaten die erste von acht Zeremonien seien würde, an der er nicht teilnehme. Er als Verteidigungspolitiker habe an den sieben vorhergegangenen Trauerfeiern teilgenommen, um in die Gesichter der gefallenen Soldaten zu sehen.

Sehr kritisch äußerte sich Nachtwei zur Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan. Im Mai 2007 hatte er Afghanistan besucht, am 19. Mai folgte der Anschlag auf dem belebten Markt in Kunduz, bei dem drei Bundeswehrsoldaten und fünf afghanische Zivilisten getötet wurden. 2008 und 2009 verschärfte sich die Sicherheitslage stetig weiter zu einem „offenen Guerillakrieg“.

Nachtwei erzählte, wie die politische Ebene diese Entwicklung sehr lange nicht wahr haben wollte. Er stellte außerdem die Frage

„Was hat die Politik dazu beigetragen, dass es so weit gekommen ist?“

Der Blick müsse wieder auf Wesentliches gelenkt werden. Abschliessend hoffte er, dass die Ausstellung Kunduz, 4. September 2009 ein Wendepunkt zu mehr Ehrlichkeit in der deutschen Afghanistanpolitik sein könne.

Christoph Reuter, der einzige Afghanistan-Korrespondent, der den Großteil des Jahres in Afghanistan lebt, berichtete davon, wie schwierig es gewesen sei, die Angehörigen der Getöteten zu fotografieren. Diese hatten Angst, nach Kunduz zu kommen, da es für sie als Paschtunen Feindesland sei. Mit einem gewissen ironischen Unterton fügte Reuter an

„Dass es ihnen als Paschtunen unter den Taliban besonders gut ging, erwähnten sie jedoch nicht.“

Schliesslich einigte man sich darauf, die Fotos nur in geschlossenen Räumen zu machen. Sie entstanden letztlich in einem kleinen Raum eines größtenteils leer stehenden Hotels in Kunduz.

Der afghanischen Kultur angemessen sieht der Großteil den Fotografen bzw. den Ausstellungsbesucher nicht direkt an, die wenigen, die das tun erinnern fast an Sharbat Gula, das „afghanische Mädchen“, das 1985 auf dem Cover des National Geographic zu sehen war. Skeptisch, fasziniert und anklagend zugleich.

Obwohl keine Wertung der Getöteten vorgenommen werden soll, bleibt die Frage, wie unparteiisch eine Ausstellung sein kann, die von der Freitag unterstützt wird, einem Medium das offen gegen den Krieg ist…

Die sehenswerte Ausstellung geht noch bis zum 13. Juni 2010. Geöffnet sind die Räume von Mittwoch bis Sonntag in der Zeit von 12 bis 18 Uhr.

Kunstraum Potsdam
Schiffbauergasse 4d
Tram 99: Haltestelle Schiffbauergasse/Berliner Str.

3 Antworten zu “Kunduz, 4. September 2009 oder Bilder einer Ausstellung

  1. Gerne weise ich in diesem Zusammenhang auch auf folgende Veranstaltung hin:

    Stefan Aust und Christoph Reuter diskutieren über die Bundeswehr in Afghanistan
    Die Journalisten Stefan Aust und Christoph Reuter diskutieren am Montag, 17. Mai, im der Kunstraum-Galerie des Waschhauses über den Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan. Vorab läuft der von Stefan Aust für das ZDF produzierten Film „Sterben für Afghanistan“, der am 16. März erstmals ausgestrahlt wurde. Die Diskussion ist Teil des Programms zur laufenden Fotoausstellung „Kunduz, 4. September 2009“, in der Christoph Reuter als einziger in Afghanistan lebender deutscher Journalist und der freie Fotograf Marco Mettelsiefen ein von deutschen Militärs angeordnetes Bombardement auf eine Ansammlung vermeintlich Aufständischer und dessen Folgen rekonstruieren. Moderiert wird das Gespräch von Jakob Augstein, Herausgeber der linken Wochenzeitschrift „Der Freitag“. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr.

    (Quelle: http://kulturportal.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11798168/9213888/Stefan-Aust-und-Christoph-Reuter-diskutieren-ueber-die.html)

  2. Wie kommt es, dass mir beim Lesen spontan die Wehrmachtsausstellung einfällt?

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