„Patiare potius ipse quam facias scelus.“ oder Kundus – Eine kleine Presseschau

„Besser Unrecht erleiden als Unrecht tun.“ sagte Lucius Annaeus Seneca d. Jüngere.

Das scheint übertragbar auf die derzeitige Debatte um die Vorkommnisse in Chahar Darreh, etwa sechs Kilometer südwestlich vom deutschen Provincial Reconstruction Team (PRT) in Kundus am 04. September 2009.

Obwohl es inzwischen sehr viele Berichte und auch zeitliche Abläufe des 04. Septembers gegeben hat, verwundert es doch, dass diese bestenfalls am 03. September beginnen. Es gab allerdings auch ein Leben vor Kundus. Deshalb aus aktuellen Anlass – damit vielleicht auch wir aus Deutschland uns ein besseres Urteil darüber machen können, wie es dazu kommen konnte, dass Oberst Georg Klein so gehandelt hat, wie er es tat – hier eine kleine Auswahl diverser Meldungen aus Afghanistan aus der Zeit vor dem 04. September:

– 04.08.2009 Taliban kehren zurück nach Kundus Jetzt drohen den Bundeswehrsoldaten in Kundus neue Angriffe

– 10.08.2009 Angriff auf Bundeswehr Bundeswehrsoldaten wurden am Sonntagmorgen um 4.30 Uhr drei Kilometer südwestlich des deutschen PRT in Kundus mit Hand- und Panzerabwehrwaffen beschossen. Wenig später wurden sie erneut attackiert und es kam zu einem Feuergefecht.

– 15.08.2009 Bombenanschlag auf das NATO-Hauptquartier in Kabul 8 Menschen sterben.

– 31.08.2009 Bundeswehr-Soldaten in Kundus beschossen Am 29. August sind deutsche Soldaten mit Handfeuer- und Panzerabwehrwaffen beschossen worden.

– 03.09.2009 Vizechef des afghanischen Geheimdienstes NDS wird von Taliban ermordet

– 03.09.2009 Gegen 22 Uhr afghanischer Zeit werden zwei Tanklastzüge des deutschen PRTs aus einem NATO-Versorgungskonvoi auf dem Weg nach Angorbagh gestohlen. Beide Fahrer werden geköpft. Später bleiben die Tanklastzüge in einer Sandbank stecken. Es wird angenommen, dass sie die Straße verlassen haben, um zu wenden und zum deutschen Feldlager zu fahren.

Am 04. September 2009 erfolgte dann der Luftangriff auf die zwei Tanklastwagen und Taliban. Natürlich ist es schrecklich, dass es dabei auch zivile Opfer gegeben hat. Das bestreitet niemand – weder in der Politik noch im Verteidigungsministerium. Aber wir sollten auch nicht vergessen – es sind unsere Mitbürger, unsere Brüder und Schwestern, Väter und Mütter, Männer und Frauen, die mehrfach bedroht, beschossen, angegriffen, verwundet oder getötet worden sind. Können wir es mit uns vereinbaren, zu akzeptieren wenn unseren Mitbürgern Unrecht getan wird, wenn sie attackiert werden weil sie ihre Arbeit tun (etwa den Schutz der zivilen Aufbauhelfer) und man ihre bisher erreichten Erfolge zunichte machen will? Sollen wir tatsächlich akzeptieren, dass unsere Soldaten unter Beschuss stehen und sich nicht wehren? Ist es wirklich besser, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun? Die toten Zivilisten sind tragisch und wären vielleicht vermeidbar gewesen. Aber man sollte sich vor Augen halten, dass die Bundeswehr unter ständigem Beschuss von als solchen nicht identifizierbaren Kämpfern stand und dass nach dem erfolgreichen Anschlag mit Tanklastzügen auf ein Gefängnis im Süden Afghanistans bereits Anschläge mit Tanklastzügen auf deutsche Camps versucht worden waren.

Dr. Franz Josef Jung hat – in einem seiner besseren Momente als Bundesverteidigungsminister – nach dem Angriff auf das NATO-Hauptquartier in Kabul im August 2009 gesagt „Wer uns angreift, wird bekämpft“.

Oberst Klein sollte man zu Gute halten, dass er versucht hat nach den wiederholten Anschlägen auf die Bundeswehr, besonders im Raum Kundus, unsere Soldaten zu schützen. Und das ist als Kommandeur seine erste Aufgabe. Nach dem erneuten Erstarken der Taliban im Raum Kundus (der ethnisch fast ausschliesslich aus Paschtunen besteht, aus denen sich die Taliban wiederum zu einem Großteil rekrutieren) auch mit versuchten Anschlägen mit Tanklastwagen (!) auf das Bundeswehr-Camp sollte man ihm den versuchten Schutz der Soldaten hoch anrechnen.

Bereits 2008 hat Abdulmajid Azimi, Leiter des afghanischen Nachrichtendienstes NDS (National Directorate of Security) in Kundus ein härteres Vorgehen der Deutschen gefordert.

Auf den nächtlichen Beschuss des deutschen Lagers [durch die Taliban] gebe es deshalb nur eine Antwort: Bomben aus der Luft, „so, wie es die Amerikaner machen“.

(Zitiert in Koelbl, Susanne und Gebauer, Matthias. (27. Oktober 2008). Tödlicher Einsatz. Der Spiegel. [20. September 2009].)

Inzwischen hört man, dass Oberst Klein Informationen des Bundesnachrichtendienstes hatte, nach denen die Taliban planten, das deutsche Camp in Kundus mit den Tanklastzügen anzugreifen. Diese Vermutung steht ja (auch im Zusammenhang mit der Annahme, die Laster seien nur in der Sandbank stecken geblieben, als sie wenden wollten, um zum Camp zurück zu fahren) schon länger im Raum, nun kommt also ein Drei-Punkte-Plan der Taliban dazu.

Also warten wir erst einmal ab, was der Untersuchungsausschuss findet. Und um beim Latein zu bleiben:

In dubio pro reo. Das gilt auch für Oberst Georg Klein.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s