A400M – Vorteile, Nachteile, Vorurteile? oder Der Traum vom Fliegen

„Und er fliegt doch!“ war diese Woche die Schlagzeile vieler Printmedien zum mehr als zwei Jahren verspäteten Jungfernflug des A400M von Airbus Military.

Lange (zu lange?) hatte das 110 Tonnen wiegende Transportflugzeug auf sich warten lassen. Schuld an der erneuten Verzögerung sollen die Extrawürste der einzelnen bestellenden Nationen sein. Hier etwa das Modell der britischen Royal Airforce:

Die britische Version des A400M

Quelle: http://www.armedforces.co.uk/raf/listings/raf7d20.htm

Er fliegt also. Aber viele Fragen stehen weiterhin im Raum. Etwa die Frage, ob der A400M wirklich gebraucht wird und ob er wirklich so ein Alleskönner ist, wie er immer angepriesen wird. Und dann sind da noch die Fragen zur internationalen Rüstungskooperation.

Aber zunächst die Gegenwart:

In einem einzigen Jahr muss die Bundeswehr etwa 15.000 Tonnen Material nach Afghanistan transportieren. Bisher geschieht das hauptsächlich durch die Transall C-160D.

Quelle: http://www.tag-der-heeresflieger.de/news.php?nid=368&subid=101

Die Transall, von deren Typ bis zur tatsächlichen Einführung des A400M noch 86 bei der Luftwaffe im Einsatz bleiben sollen, schafft die Strecke von Deutschland nach Afghanistan nur mit einem Zwischenstop im südrussischen Krasnodar. Mit dem A400M soll es möglich sein, diesen zweitägigen Trip nun an einem Tag im Stück zu bewältigen.

Allerdings gibt es da ein Problem – der A400M hat eine maximale Startmasse von 141 Tonnen. Das ist zwar wahrlich ein Fortschritt gegenüber den maximal möglichen 49 Tonnen der Transall, jedoch wundert man sich schon, warum Deutschland ein Transportflugzeug bestellt, das keinen deutschen Panzer in einem Stück transportieren kann. Hier bleibt also nur, weiterhin die russische Antonow mit einer maximalen Startmasse von 600 Tonnen wie bisher als Teil der Strategic Airlift Interim Solution zu chartern oder aber den Panzer in zwei Flugzeugen zu transportieren…

Letzteres ist natürlich möglich – aber wenn man bedenkt dass die Luftwaffe nicht unbedingt zum Spaß fliegt, und dass die Panzer ausgeflogen werden, weil sie am anderen Ende benötigt werden, stimmt der Gedanke an einen Panzer ohne Ketten skeptisch.

„Bitte beschiesst uns erst wenn auch das zweite Flugzeug hier ist, und wir den Panzer wieder zusammengeschraubt haben.“?

Das hat mit der Realität – besonders in Einsatzgebieten wie Afghanistan – wenig zu tun, wo deutsche Truppen im Raum Kundus inzwischen fast täglich angegriffen werden.

Scheinbar haben sich die Sowjets etwas dabei gedacht, die Weiterentwicklung der Antonow – die sechsstrahlige AN-225 – Мрія zu nennen, was ukrainisch für „Traum“ ist.

In Europa gibt es schon länger Pläne, ein gemeinsames Transportflugzeug zu entwickeln. Für den Übergangszeitraum, bis der A400M tatsächlich fertig ist und ausgeliefert werden kann, gibt es SALIS. Diese Strategic Airlift Interim Solution ist die Übergangslösung der NATO und der EU um Transportengpässe zu überbrücken bis der A400M fertig gestellt ist. Zu diesem Zweck stehen zwei Antonow A-124 am Flughafen Leipzig/Halle zur Verfügung.

Quelle: http://www.flugzeuginfo.net/acimages/an124_kp.jpg

Warum nun also A400M und nicht etwa eine weiter entwickelte Version der Transall oder der Antonow?

Die internationale Rüstungskooperation ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Besonders wichtig ist die Realisierbarkeit der Interoperabilität in Bündnissen wie der NATO. Dabei ergibt es selbstverständlich Sinn, dass begrenzt zur Verfügung stehende Ressourcen geteilt werden und so das bestmögliche Ergebnis erreicht werden kann. Neben der Interoperabilität ist Standardisierung die andere Voraussetzung für Erfolg in der internationalen Kooperation. Gerade bei ISAF ist deutlich geworden, dass es einige Bündnispartner gibt, die zwar Mittel für den Truppentransport hätten, jedoch keine (weiteren) Truppen zur Verfügung stellen können. Andererseits gibt es Truppensteller, denen die Mittel für den Truppentransport fehlen. In diesem Zusammenhang ist es so, dass die Bündnisfähigkeit natürlich verbessert werden kann, wenn Staat A dem Piloten von Staat B das Flugzeug zur Verfügung stellen kann, und er damit umgehen kann, weil es gemeinsame Trainigsmöglichkeiten gibt und man die Flugzeuge kennt, da sie in etwa baugleich sind.

Bei der Debatte um den A400M gab es die Frage, ob es denn wohl politisch vertretbar sei, weiterhin ein Transportflugzeug wie die Antonow vom russisch-ukrainischen Unternehmen Ruslan SALIS GmbH zu chartern oder zu kaufen. Dabei ist zu bedenken, dass diese Flugzeuge über einen längeren Zeitraum kontrolliert und gewartet werden müssen, und dass dazu natürlich auch Ersatzteile zur Verfügung gestellt werden müssen. In einem Fall, in dem der Hersteller bzw. das Herstellerland sich nicht mit den Zielen der Empfänger identifiziert – oder etwa in Fällen wie Afghanistan wo sich Russland aus bekannten Gründen militärisch nicht engagieren kann – könnte dies verweigert werden. Andererseits ist es so, dass sich Länder kurz- oder langfristig diplomatisch miteinander überwerfen können.

Neben der Antonow war auch ein Angebot aus Nordamerika auf dem Tisch. Durch die Kooperation innerhalb der NATO, aber auch durch die traditionellen transatlantischen Beziehungen ist ein schwerwiegender diplomatischer Bruch zwischen Europa und Nordamerika unwahrscheinlicher als mit Russland.

Dennoch schienen die politischen aber auch die wirtschaftlichen Vorzüge einer europäischen Rüstungskooperation zu überwiegen. Natürlich ist die Schaffung von Arbeitsplätzen immer wichtig. Aber wenn es für die militärischen Fähigkeiten bessere Angebote gab, bleibt die Frage bestehen, ob man sich nicht für das nordamerikanische Angebot – so bliebe es wenigstens in der NATO-Familie – hätte entscheiden können oder gar sollen.

Denn nach den bisherigen Verzögerungen bleibt nur zu hoffen, dass Airbus Military den Zeitplan einhalten kann, um den Jahreswechsel 2012/13 die ersten Flieger an die Franzosen und kurz darauf der deutschen Luftwaffe ihre ersten Exemplare zu liefern.

Es bleibt spannend.

Aktuelle Informationen über SALIS von der Streitkräftebasis hier.

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