Freundliches Desinteresse?

Andrea Seibel, die stellvertretende Chefredakteurin der Welt, hat im Juli 2009 einen Artikel mit dem Titel „Soldaten sind natürlich keine Mörder. Aber was sind sie?“ auf Welt Online veröffentlicht. Darin schreibt sie:

„Sieht man Soldaten in deutschen Straßen, so erregt dies Aufsehen, weil sie Fremde im eigenen Land geblieben sind.“

Viele Deutsche haben wenig bis gar keinen direkten Kontakt mit der Bundeswehr. Das geht natürlich auch auf die problematische Wehrgerechtigkeit zurück. Man sieht freitags vielleicht einen Wehrpflichtigen im Zug, kommt zufällig am Verteidigungsministerium vorbei oder läuft an einem Offizier auf dem Weg zu einer verteidigungspolitischen Veranstaltung vorbei. Gleichzeitig werden Vertreter der Streitkräfte bei Podiumsdiskussionen – besonders wenn es um Afghanistan geht und besonders seit dem 4. September 2009 – gerne scheinbar absichtlich missverstanden. Da wird Kommandeuren schon einmal vorgeworfen, dass ihnen zivile Opfer egal seien und sie diese leichtfertig in Kauf nehmen.

Vor einem Jahr fuhr ich mit dem Zug durch Pennsylvania. Auf der siebenstündigen Fahrt von Pittsburgh nach Philadelphia kam ich mit einer Mitreisenden ins Gespräch. Sie erzählte mir davon, wie sie vor kurzem eine Frau im Supermarkt angesprochen hatte, die in ihrem Einkaufswagen hauptsächlich Toilettenartikel in Reisegröße und Snacks in Familienpackungen hatte. Sie fragte, ob eine Reise anstünde. Die Frau verneinte, diese Artikel würde sie ihrem Sohn schicken, Soldat im Irak, da die Märkte in den Camps immer so schnell leer seien. Meine Mitreisende gab ihr zehn Dollar, wollte so ihre Dankbarkeit ausdrücken und etwas für den jungen Soldaten und seine Kameraden tun.

In Kanada kann es passieren, dass einem Soldaten in Uniform in einer Bar ein Bier ausgegeben wird, im Restaurant werden Rechnungen (häufig auch hinter dessen Rücken) bezahlt. Man klopft ihm auf die Schulter und sagt „thanks“ oder drückt seine Dankbarkeit anders aus. Dankbarkeit dafür, dass dieser Mensch bereit ist, körperlich ans Limit zu gehen, sich persönlich einzuschränken, seine Angst zu besiegen und sich letztendlich in Lebensgefahr zu begeben.

In Deutschland wäre so etwas eher ungewöhnlich. Anders als in anderen Ländern wird in unseren Kirchen nicht in jedem Gottesdienst für die sichere Heimkehr der Soldaten aus der Gemeinde gebetet. Bei uns hängen keine gelben Schleifen an Zäunen, die an entsandte Soldaten erinnern sollen. In Ländern wie Großbritannien oder den USA tragen Frauen und Kinder häufig so genannte deployment bracelets. Auf diese Armbänder ist der Name des Soldaten im Einsatz mit einem Symbol für die Waffengattung aufgezogen. Verwandte und Freunde tragen die Bänder für die Dauer des Einsatzes.

Bundespräsident Horst Köhler sprach 2007 von einem „freundlichen Desinteresse“ an der Bundeswehr. Und das ist noch der beste Fall – inzwischen scheint blankes Desinteresse weiter verbreitet zu sein. Die Diskussion um das öffentliche Gelöbnis der Bundeswehrsoldaten vor dem Deutschen Bundestag am 20. Juli 2008 zeigte, dass dem Grünflächenamt von Berlin-Mitte der Rasen vor dem Parlament wichtiger war als die Soldaten.

Seit dem Beginn der deutschen Teilnahme an ISAF in Afghanistan hat es 36 gefallene Soldaten gegeben. Ein Blick auf Diskussionen um gefallene Bundeswehrsoldaten im Internet zeigt überdurchschnittlich häufig eine „selber schuld“-Haltung. Anders als bei den NATO-Partnern Deutschlands wird nicht öffentlich mit den Familien der Toten getrauert und an ihrem Schicksal Anteil genommen. Stattdessen wird den Soldaten vorgeworfen, selbst an Tod oder Verwundung schuld zu sein. Man habe gewusst, worauf man sich einließe und sei nicht dazu gezwungen worden – und überhaupt, was habe die Bundeswehr denn in Afghanistan und anderenorts verloren? Durch das Ehrenmal am Verteidigungsministerium in Berlin sind die Gefallenen etwas präsenter geworden, die Öffentlichkeit kann und soll nun Anteil an der Trauer und der Erinnerungsarbeit haben. Reicht das aus?

In der jüngsten Unterrichtung durch den Wehrbeauftragten Reinhold Robbe vom März 2009 wird sehr stark deutlich, wie sehr sich die deutschen Soldatinnen und Soldaten den Rückhalt der Gesellschaft wünschen. Die moralische Unterstützung der Deutschen fehlt ihnen deutlich. Wenn Soldaten aus Einsätzen zurück kommen, wünschen sie sich natürlich auch, dass man ihre Geschichte hören möchte. Sie wollen erzählen, uns an Erfolgen teilhaben lassen – müssen auch erzählen um quälende Erfahrungen verarbeiten zu können. In Deutschland bleibt Ihnen dafür häufig nur der Militärseelsorger oder die psychologische Betreuung durch die Bundeswehr.

Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr brauchen kein Mitleid. Sie alle wussten bei Eintritt in die Bundeswehr, was sie erwartet. Was sie brauchen, ist Mitgefühl.

Doch die Deutschen scheinen sich ihrer Bundeswehr zu schämen, sie gar zu verachten. Warum schaffen wir es nicht, unsere Soldaten zu akzeptieren, uns hinter sie zu stellen und für sie da zu sein? Ich kenne viele Amerikaner, Kanadier und Briten. Egal wie sie zu den Einsätzen in Afghanistan oder im Irak stehen, sie haben Respekt vor ihren Soldaten. Natürlich kann man Deutschland nicht eins zu eins mit diesen Ländern vergleichen, und wahrscheinlich ist der Umgang mit den Streitkräften wie in den vorangegangenen Beispielen in Deutschland ohnehin nicht zu erreichen. Aber es muss möglich sein, eine gesellschaftliche Rückendeckung der – unserer –Soldaten zu erreichen.

Ein Reserveoffizier hat mir vor einigen Wochen erzählt, dass er sich freiwillig für die Teilnahme am ISAF-Einsatz gemeldet hat. Auf die Frage warum, hat er sehr deutlich gemacht, dass er nicht für Deutschland oder die Deutschen nach Mazar-e Sharif geht. Er tut es, um seine Kameraden dort zu entlasten. „Das haben sie verdient“ sagte er.

Unsere Soldatinnen und Soldaten sind keineswegs Feiglinge, wie sie von einigen Bündnispartnern im Zusammenhang mit ISAF kritisiert worden sind. Sie sind tapfere Menschen aus unserer Mitte, die eine verantwortungsvolle Aufgabe erfüllen. Genau wie wir haben auch sie Familien und sicherlich wären viele von ihnen zu Weihnachten gerne zu Hause, würden sich auf dem Weihnachtsmarkt mit Freunden treffen und auch einmal einen Glühwein zu mehr oder weniger besinnlicher Musik trinken. Dafür, dass sie darauf verzichten, damit wir das können, sollten wir ihnen dankbar sein.

Die Bundeswehr hat verdient, endlich als normaler Bestandteil der Gesellschaft – ohne Vorverurteilungen – akzeptiert zu werden.

6 Antworten zu “Freundliches Desinteresse?

  1. Ich frage mich, wie die Franzosen und Beneluxer zu ihren Soldaten daheim und im Einsatz stehen. Diese Gesellschaften scheinen mehr mit der Deutschen gemein zu haben als Briten und Amerikaner.

  2. Pingback: Aktion Gelbes Band – Solidarität mit den Soldaten « Deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik

  3. „(…) In Kanada kann es passieren, dass einem Soldaten in Uniform in einer Bar ein Bier ausgegeben wird, im Restaurant werden Rechnungen (häufig auch hinter dessen Rücken) bezahlt. Man klopft ihm auf die Schulter und sagt „thanks“ oder drückt seine Dankbarkeit anders aus. (…)“

    Selbiges in den USA und auch als deutscher Soldat in Uniform. Beim inneramerikanischen Flug wird erwähnt, dass man an Bord ist und einem gedankt – die Mitfliegenden applaudieren als eine Art Ehrbezeugung.

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    „(…) Ein Reserveoffizier hat mir vor einigen Wochen erzählt, dass er sich freiwillig für die Teilnahme am ISAF-Einsatz gemeldet hat. Auf die Frage warum, hat er sehr deutlich gemacht, dass er nicht für Deutschland oder die Deutschen nach Mazar-e Sharif geht. Er tut es, um seine Kameraden dort zu entlasten. „Das haben sie verdient“ sagte er. (…)“

    Die Aussage empfinde ich schon als normal, zumindest bei den jungen Kameraden bzw. den alten Hasen, die sich mit der heutigen Realität abgefunden haben, denn das ist genau der Satz, den man von allen hört.

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